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Wir möchten unsere neuen Mitbewohner integrieren.
Dazu gehört, ihnen unsere Sprache und unsere Kultur zu zeigen.
Aber auch unsere Stadt, unsere Landschaft, unser Leben:
das Rathaus und den Dom, die Uni und ihr Klinikum, den Tivoli mit der Alemannia.

Weitere Mittwochsspaziergänge sollen folgen.
Für Themenvorschläge, Rückfragen und Angebote zur Mithilfe bei der Organisation stehen wir gerne zur Verfügung.
Interesse? Dann schreibt uns bitte über das Kontaktformular oder kontaktieren Sie unsere Projektleiterin Heike Heinen unter 0171 288 1016.

Unsere Ausflüge

Freitag, 15. September - Flame for Peace-Lauf

Am 15.9. 2017 findet als Auftakt für das Bina-Mira Festival der diesjährige Friedenslauf von Aachen nach Eupen (Belgien) statt. Gemeinsam mit einer Gruppe Geflüchteter startet Flame for Peace am Aachener Stadttheater in Richtung zur Grenze nach Belgien, wo am alten Zollhaus die Fackel an die belgische Staffel übergeben wird.

Der Lauf endet hier für die Menschen aus den Krisengebieten, für die von deutschen Behörden keine Reisedokumente ausgestellt wurden, wegen des nach über 2 Jahren immer noch nicht abgeschlossenen Asylverfahrens, des Status als nurmehr Geduldete oder der Unmöglichkeit, in den Botschaften der Länder, aus denen geflohen sind, Pässe zu beantragen.

Vor dem Theater

Ja, wir hier im Dreiländereck haben jahrelang einen wunderbaren grenzenlosen Traum gelebt.

Die Älteren von uns wissen noch, wie es früher hier am Übergang Köpfchen aussah, für die Jungen sind Grenzen in Europa nur noch trockenes Wikipediawissen.

Aber in unserer Erinnerung fühle ich sie noch, die schreckliche Grenze zwischen Ost und West. Stacheldraht und Wachtürme im kalten, erbarmungslosen Licht der Suchscheinwerfer. Wachhundegebell und Grenzsoldaten mit steinernen Gesichtern. Nichts durfte ich in den bangen Minuten der Grenzkontrolle sagen, es hätte die grauen Männer mit den großen Schirmmützen ja verärgern können. Ich hatte kalte, dunkle Kinderangst vor dem Unbekannten, das meine Eltern offenbar so fürchteten. Auch sie waren mehrfach auf der Flucht, nach 45 und vor dem Mauerbau. Im Auto auf dem Rückweg vom Verwandtenbesuch nahe der tschechischen Grenze war ich immer froh, wenn die rhythmisch ruckelnden Betonplatten der Transitstrecke endlich hinter uns lagen.

Und jetzt stellen wir Alten und Jungen atemlos fest, dass wieder neue Mauern hochgezogen werden. Dort draußen, an den Außengrenze Europas. Da, wo der Pulse of Europe lautlos verebbt. Wird im Namen Europas da geschossen? Wenn die Menschen doch so verzweifelt sind auf der anderen Seite, wenn niemand sie will und sie nicht zurückkönnen? Die Zeitungen schweigen sich aus. Wir wollen es hier nicht genau wissen. Wir senken den Blick. Wie damals! Wie damals?

Unvorstellbar bedrohlich wirkt auf mich Europas Stacheldraht, der bis in den Himmel reichen muss um den Krieg und die Not, die da draußen toben, auszuschließen. Krieg und Hunger, woran wir Europäer doch nicht unschuldig sind, mit dem wir hier, auf der Sonnenseite, doch leidlich leben...

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl. Wir tanzen auf unseren Festen Demokratie und Integration, wir stricken und trommeln, wir basteln und kochen, wir fahren mit selbstgebauten Holzbooten über imaginäre Meere. Wir laufen und hüpfen im Kreis.

Da draußen, an den Außengrenzen, gelten offenbar andere Grundsätze als in Europas Verfassungen. An diesen Grenzen wird gestorben. Die Flüchtlingslager dort sind in einem menschenunwürdigen Zustand, die Menschen hoffnungslos, ausgesperrt und von der Welt vergessen.

Und heute nun der Lauf.

Welche Menschen sind das, die die heute hier mit uns laufen? Sie sind den Kriegen knapp entkommen. Es vergeht kein Tag, ohne dass sie mir von den schrecklichen Erlebnissen und ihren Ängsten erzählen. Auf den Handys zeigen sie mir die Fotos ihrer von den Taliban erschossenen Freunde, ja, gestern war´s, sagt A. Die Leichen noch frisch, die jungen Gesichter bleich und erkennbar, das Blut überall...

Und nun überbieten sich die machtversessenen Politiker mit ihren Forderungen, die Geflüchteten möglichst schnell wieder los zu werden, sie schieben sie in die noch brennenden Länder, in das brennende Afghanistan. Bald vielleicht auch die Subsidiären, die sich noch im Schutze Deutschlands wähnen, wer weiß, wo doch nächste Woche gewählt wird, welche zynischen außenpolitischen Allianzen dann geknüpft werden?

M. hat mir gestern Morgen das Urteil des Verwaltungsgerichts aufs Handy geschickt.

Abgelehnt. Aus. Hoffnungslos. Rechtskräftig sagt man so schön.

M., der hier als Beispiel für viele aufgeführt wird, kam dann auch gestern Nachmittag zitternd zu mir. Die unverkennbare Krankheit setzt ihm zu. Er kann sich nicht konzentrieren, die Vernehmung ist an ihm vorbeigerauscht. Der Prozess: belanglose Fangfragen eiliger Richter. Die ausführlichen Facharztberichte werden im Urteil mit Textbausteinen zu Marginalien verstümmelt. Rechtsanwalt? Teuer, viele sind unengagiert und wirkungslos.

Ernstgemeinte Rechtstaatlichkeit geht anders, das weiß hier jeder. Die Prozesskostenhilfe wird fast pauschal für bestimmte Herkunftsländer abgelehnt. Die Rechnung des Anwalts liegt schon auf dem Tisch.

M. ist verzweifelt. Wie soll er das bezahlen? Wie geht es jetzt weiter? Er weiß, dass er ab jetzt 24 Stunden, Tag und Nacht, aus dem Bett, der Schule, der Arbeit, 7 Tage in der Woche, abgeholt werden kann, wenn es die Ausländerbehörde entscheidet...

Wie soll er aber mit seinem Handicap nach der Abschiebung im Hexenkessel der schnell wachsenden Millionenstadt Kabul nach Arbeit suchen? Er wird die Rückkehr nicht überleben. Seine Familienmitglieder wurden getötet oder sind im Exil, die Freunde in alle Winde verstreut, sein einziger Verwandter unerreichbar mitten im Land. Wie soll er dorthin kommen? Die Transitstraßen sind in weiten Teilen unter Kontrolle der Taliban. Welche Straßen genau sind frei? Die zitierten Berichte sind hier vielsagend unpräzise. Wie soll das Netz an Hilfsorganisationen, das so wortgewaltig dort im Urteil beschworen wird, den einsamen M. auffangen? Dieses Netz existiert nicht, sagen uns versierte Insider. Auch die wenigen Rückkehrer sind verloren.

Wie sollen die letzten Diplomaten in den zerbombten Botschaften in Kabul und Mazar-i-Sharif die humanitäre Hilfe steuern?

Wir tanzen Integration. Wir feiern uns selbst. Aber die Menschen, um die es geht, die jetzt menschenverachtenden Quotenvorgaben geopfert werden, sind verzweifelt. Können wir das wirklich wollen? Welche zivilgesellschaftlichen Folgen haben diese Heerscharen an Depressiven, Illegalisierten und Hoffnungslosen, die ab jetzt durch Europa mäandern?

Ich will diese Zeilen zum Schluss nicht einfach hoffnungsfrei in den Äther schicken.
Ihr alle, hier in unserer Mitte, werdet noch jahrelang bleiben. Die Mühlen der Verwaltungen, die nun schon 2 Jahre brauchten, um für einige wenige das Asylverfahren abzuschließen, werden sich nicht wesentlich schneller drehen. Aber die Mauern, die Deutschlands Behörden von nun an um Euch Abgelehnte bauen, wollen wir Euch erträglich machen. Vieles bessert sich in unserer Stadt, viele Akteure ziehen mit gemeinsamen Kräften, die Kooperationen zwischen der Zivilgesellschaft und der Verwaltung klappt hier bei uns viel besser als in der Provinz. Gemeinsam mit den vielen Hauptamtlichen, die ihr Bestes geben, sind wir Millionen von Unterstützern. Das darf trotz des dunkel-dräuenden Twittergewitters aus der üblen rechten Ecke nicht vergessen werden. Und wir lassen uns hier unten, am Rand der Gesellschaft, nicht entsolidarisieren. Es geht fast allen besser, seitdem sie hier sind, Milliarden werden über die Flüchtlingshilfe in die Wirtschaft gepumpt, das wenigste bleibt aber wie immer systembedingt bei den Armen und den Geflüchteten selbst, sondern landet in unseren Bildungsträgern, die zu großen Arbeitgebern werden, der Bau- und Immobilienwirtschaft und im Handel. Flüchtlinge sind ein gigantisches Konjunkturprogramm!

Aber es gibt sie trotzdem, die zynischen Hardliner in den Verwaltungen, Ministerien und Regierungen, wir halten ihnen zusammen mit vielen Engagierten in den Ämtern und Initiativen auch weiterhin den Spiegel vor, heute und in der Zukunft, wenn wir uns an diese traurigen Zeiten erinnern. Wir suchen nach Brücken über Ermessensspielräume, nach Perspektiven für die jungen Menschen, die endlich ankommen möchten in ihrem Leben, wir suchen nach Menschlichkeiten, raus aus den Mauern der konformistischen Selbstbeschwichtigungen und aus dem Sumpf des moralfreien Staatspragmatismus.

Fackelübergabe an der Grenze

Der Lauf war wunderschön. Selbstbewusst das Trommeln der Sambagruppe am Theater. We are here! Und wir sind jung! Im Regen mit den Freunden durch den Grenzwald, im Ziel nass und glücklich, atemlos und stolz. Die Fackelübergabe an der Grenze erscheint auf allen Fotos, hier reicht –bis jetzt noch- ein Flatterband. Nein, hatte die Ausländerbehörde auf meine Frage gesagt, ohne Reisepass darf niemand über die Grenze laufen. Es werden keine Ausnahmen gemacht, nicht einmal für ein freundschaftliches Sportereignis. Den Reisepass gibt es nur in der Botschaft der Länder, unzumutbar für die meisten Flüchtlinge, die vor diesen Regierungen flüchten mussten.

Wir winken zum Abschied unseren belgischen Läufern zu. Irgendwann, hoffen alle Geflüchteten hier, dürfen wir uns völlig legal, mit Pass und Aufenthalt, von hüben nach drüben die Hand reichen.

Bis dahin stirbt der Pulse of Europe eigentlich schon hier.

Im Kukuk

Für heute bleiben nun alle auf der deutschen Seite hier am Kukuk in der gemütlichen Gaststätte zusammen. Die freundlichen Gäste in der Stube machen uns den großen Tisch in der Mitte frei, der Kakao im Kreis der Freunde tut gut.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Sonntag, 3. September - Integrationspreis

Heike Heinen nahm stellvertretend für die von ihr initiierte WhatsApp-Gruppe 'Infos for Refugees' den Aachener Integrationspreis entgegen. Hier ihre Gedanken dazu.

Dienstag, 4. Juli - Aachen in Unruhe

Es gibt immer wieder schillernde Kristalli­sa­tions­punkte der Flüchtlingsthematik.

So ist Arif ein besonders gutes Beispiel einer gelungenen Willkommenskultur in unserer Stadt.

Was macht die Stadt in Flüchtlingskultur? Das ist Thema in vielen Ausschusssitzungen. Ja, da tut sich was, alle können aufatmen, vorbildlich, sympathisch, liebe Stadt Aachen, wir können doch alle stolz sein, wir sind menschlich, nett, freundlich, vom Kulturbetrieb über Theater, Sportvereine und Koch-, Schach- und Kegelinitiativen. Hier ist Arif, hier findet Integration statt: Kirche, Chöre, Kunst und Kaffeetrinken. Wir brauchen keine Tour de France, um für Aachen Werbung zu machen. Wir hier leben vieltausendfach Gemeinschaft und Weltoffenheit, Menschlichkeit und Hand­lungs­fähigkeit, auch wenn der Wind dort draußen auf dem Mittelmeer immer härter bläst und Afghanistan, das Arif nach jahrzehntelanger Flucht und Exil nicht mehr kennt, nur noch in der bombensicheren Weste zu betreten ist...

Auch im Zahntechnischen Labor in Eschweiler sind Chef, Betrieb und Azubi Arif miteinander glücklich; die gemeinsame Arbeit macht Spaß.

Arif ist als Afghane jedoch Flüchtling zweiter Klasse, obwohl die deutsche Wirtschaft nach Fachkräften lechzt.

Er schafft die Ausbildung prima, obwohl er bis zum Ausbildungsbeginn noch keinen einzigen Sprachkurs belegen durfte und auch jetzt keine Hilfen bekommt, da er wie viele Tausend andere noch im Verfahren ist. Kein Problem, wofür gibt es denn das Ehrenamt? Da kann die Stadt das Geld besser für die große Kunst ausgeben und unser aller Wirtschaftsleben mit millionenschweren Programmen ankurbeln, wir hier unten helfen die Lücken - nein eher die schwarzen Löcher - zu stopfen! Es klappt. Pragmatisch, praktisch, gut sind wir Öcher schon immer gewesen.

Aber jetzt: Willkommenskultur wird durch Abschiebekultur ersetzt.

Weg mit dem Ehrenamt, her mit dem Ausländeramt. Meine Damen und Herren, schauen sie jetzt bitte alle gezielt weg. Jetzt wird nämlich abgeschoben. Bitte Distanz (zum Objekt, dem Flüchtling), ja! raunen mir sogar große Vertreter der Aachener Charity zu. Bitte keine Emotionen jetzt. Das passt nicht, nicht mehr.

Rechtssicherheit, so dachte ich, sei eine Errungenschaft der demokratischen Gesell­schaft. Die Demokratie feiert sich in Deutsch­land, besonders in Aachen, gern selbst. Ist die deutsche Verfassung auch da, wenn Flüchtlinge sie brauchen? Wir ringen täglich um das Menschenrecht auf Asyl, auf Arbeit und Bildung, suchen bezahlbare Rechtsanwälte. Das BAMF hat sich in der Eile oft verstolpert - es gibt immer häufiger Anlässe, an den Asyl­bescheiden zu zweifeln. Kein Wunder, die Übersetzer sind nicht vereidigt, die Quellen­grundlage für die Einschätzung der Sicherheits­lage nicht aktuell, die dramatische Not der Geflüchteten wird unüberbietbar zynisch unter­schätzt...

Die Verzweiflung der betroffenen Menschen, die Tücken des Verwaltungsrechts und die immer neu sprudelnden Erlasse und Regelungen aus dem Bundes­wirtschafts­ministerium und dem Innenministerium sind wie Skylla und Charybdis – Kurs halten ist schwer.

Aber es gibt sie doch, die Ausbildungs­duldung!!!!! Sie ist erklärter Wille des deutschen Volkes! Von gewählten Vertretern ersonnen! Die Exekutive hält über eingebaute Verfahrenstricks hartnäckig dagegen, es ist wie Rochade am Schluss der Partie. Damit hat keiner gerechnet, wie ein trockener Verwaltungs­akt uns tapferen Recken ein Bein stellen kann, das Haken­schlagen ab jetzt zum Überlebenskampf wird.

Es ist kein Spiel, meine Damen und Herren.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Freitag, 19. Mai - Besuch der Aachener Baumesse

Vor etwas mehr als einem Jahr sind wir in einer breiten Phalanx zu ersten Mal zur Aachener Baumesse gelaufen- Stadtbibliothek- Krefelder Strasse- Albert-Vahle-Halle. Damals auf Einladung des Aachener Unternehmernetzwerkes "empfehlenswert", am 19.5.2017 kommen wir nun auf ganz spezielle Einladung der ABIT GmbH. Der Chef der Baumesse ist Daniel Hornemann.

Kopf und Herz für geflüchtete Menschen hat er - er kennt aber auch die Sorgen und Nachwuchsnöte der bei ihm Jahr für Jahr ausstellenden Handwerksbetriebe und Baufirmen ganz genau, ist gründlich vernetzt mit allen Ebenen und sieht die Heranführung an den Arbeitsmarkt als gesellschaftliche Aufgabe, die nur mit vereinten Kräften -auch schon mal unkonventionell- gestemmt werden kann. Die Innung der Steinmetze hat beispielsweise trotz großen Bedarfs keinen einzigen Auszubildenden in diesem Jahr gefunden! Bewerber sollten handwerkliches Geschick mitbringen , eher fein- denn grobmotorisch veranlagt sein, eine kreative Ader haben und körperlich belastbar sein. Da kenne ich einige...

Und da wir beide Mitglied im Unternehmernetzwerk sind bekommt Daniel wöchentlich brandaktuelle Nachrichten über die Möglichkeiten und guten Beispiele aus unserem Netz, die geflüchtete Menschen haben, wenn sie Arbeit oder Ausbildung suchen. Da wollte er auf der Baumesse Betriebsinhaber und Arbeitssuchende, geflüchtet oder nicht, direkt zusammenbringen, eine Superidee. Auch Hans Bayartz vom Sozialwerk Aachener Christen hat schon im Unternehmernetzwerk seine Schützlinge vorgestellt, gemeinsam suchen wir die verschiedensten Wege, die Abgehängten, schwer Auffindbaren oder für den Arbeitsmarkt (noch) schwer Verdaulichen andocken zu lassen - wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen, wenn wir das im Sinne des sozialen Friedens, der uns allen nützt, doch endlich mal alle einsehen würden, hier im reichen Deutschland.

Und so treffen wir uns in großer Zahl in gewohnter Manier wieder an der Stadtbibliothek, viele sind´s, nur die Themen haben gewechselt. Überschattet wird alles von den Bescheiden, negativ oder positiv, die Sorge um die Situation im Heimatland, die Familien, die nicht nachgeholt werden können, die schweren Kämpfe, die die Länder erschüttern, und die Diskrepanz zur Darstellung der Bundesregierung, die trotz Überfällen auf Militärbasen und internationale NGOs und nicht kontrollierbare Kampfhandlungen Afghanistan als ausreichend sicher darstellen möchte. Pacta sunt servanda - das Rückführungsabkommen ist abgeschlossen, jetzt müssen die Ausländerbehörden eben liefern. Aktuelle Anerkennungsquote nahezu 50 %. 70 % der Abgelehnten klagen, um die tödliche Gefahr der Rückkehr abzuwenden. Also fast alle bleiben hier in den nächsten Jahren. Aber haben täglich panische Angst vor Abschiebung. Wie soll man da lernen, arbeiten, planen und sich integrieren in unsere bröckelnde Willkommenskultur?

Nach munterem Fußmarsch kommen wir an in der Albert-Vahle-Halle, direkt hinter der Baubar die schwarzen Tafeln, wo die tabellarischen Lebensläufe angeheftet werden können. An meinem mitgebrachten Laptop zeige ich die öffentlichen Internetportale der Bundesagentur, wertvolle und extrem nützliche Tools, die unter unseren Freunden, auch den anwesenden Syrern und Irakern mit Anerkennung übrigens, noch gar nicht bekannt sind. Berufe-TV ist zum Beispiel eine Zusammenstellung von 200 dokumentarischen Videoclips, in denen in einfacher Sprache die Berufe aus allen Arbeitsbereichen dargestellt werden. Ideal zur ergänzenden Einübung der deutschen Sprache übrigens, und richtig spannend, vor allem die technischen Berufe und auch Berufe vom Bau faszinieren, die Jungs könnten stundenlang gucken, wie Deutschland baut und konstruiert, produziert und verkauft, pinselt und schreinert, pflegt und kreiert. Das kurzweilige Spiel auf www.entdecker.biz-medien.de hilft bei der Entscheidungsfindung, welcher Beruf es denn sein könnte. Das alles soll die unzweifelhaft kompetente Beratung im Jobcenter nicht ersetzen, nur ein kleines bisschen die Augen öffnen- da wo gerade noch alles so finster aussah.

Baumesse

Bei unserem Besuch am Freitag hatte der Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur mehrere Dutzend Stellenausschreibungen in sauberer Reihe an die Wand gepinnt, allesamt richten sie sich an ungelernte Kräfte, unüberwindbare Anforderungen an das Sprachniveau kann ich auch nicht feststellen. Schade dass die Ausdrucke alle anonymisiert sind, dass nur die Referenznummer als Abreißzettel dabei steht, die Nummer, die erst nach profunder Kenntnis der Funktionsweise der Jobbörse als Schlüssel zu den Firmenausschreibungen genutzt werden kann. Haben Sie das schon mal versucht, lieber Leser? Kommen Sie doch mit der Referenznummer am Montag in die Roermonder Straße, rufen uns die Herren der Bundesagentur vom Stehtisch aus zu.. Da zeigen Sie die Nummer vor und Ihre Berater drucken die ganze Seite mit Firmenanschrift aus. Und dann? Ja dann geben wir Ihnen den Ausdruck. Den Rest müssen sie selber machen. Da staunen auch die Akademiker unter uns.

Also erklären wir Ehrenamtler den Leuten, wie sie die Referenznummer selber zuordnen können. Und sparen den Jungs den Gang zum Jobcenter, auch um die Mitarbeiter dort zu entlasten. Am Samstag sind die Ausdrucke und die Herren am Stehtisch weg. Frau Wieland vom Integration Point hat dagegen schnell eine große Fangemeinde um sich versammelt. Ihre Tips und Infos zu Ausbildung, Sprache und Arbeit kamen super an. Danke, Anke!

Ach ja, wie schön wäre es, hätten alle diese Menschen, die in wenigen Wochen bereits 2 Jahre in Deutschland sind, über Sprachkurse ein Sprachniveau B1 erreicht, so wie die meisten aus den Big Five . Aber die gab es einfach nicht für die "anderen Herkunftsländer". Und jetzt? Sind sie noch Jahre entfernt von B1? Was sollen sie tun? Unnötig warten? Hoffentlich bekommen sie nach der Anerkennung schnell den Integrationskurs. A1. Die nächsten fangen im Herbst an. Vielleicht.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Abschiebung?

Eine Welle der Solidarität für unseren Freund Arif schwappt durch Aachen - Arifs Asylantrag vor dem Bundesamt für Migration und Flucht wurde als unbegründet angelehnt, Afghanistan sei sicher genug, man könne dort in einigen Regionen sicher leben. Über die angeblich hinreichende Sicherheitslage in Afghanistan wird viel geschrieben. Angesichts der fast täglichen Berichte von Überfällen, Bombenanschlägen und Kriegshandlungen, insbesondere auf den unverzichtbaren Transitwegen in die vermeintlich sicheren Regionen wird diese Auffassung längst nicht von allen maßgeblichen Personen in Deutschland geteilt, darunter Richter, Anwälte, hochrangige Politiker, Wissenschaftler und Entscheider aus Wirtschaft und Gesellschaft. Seit Samstag, an dem Arif den negativen Bescheid des BAMF bekommen hat, schließen sich dieser beeindruckenden Opposition viele Aachener Bürger an, die durch den Vorgang rund um die Abschiebungsandrohung des gut vernetzten Arif auf die Sicherheitslage in Afghanistan erneut aufmerksam geworden sind.

Arif

Arif ist Mann der ersten Stunde, hat bereits seit November 2015 bei allen Stadtspaziergängen mitgemacht und als Übersetzer in 9 Sprachen (darunter Farsi, Urdu, Dari, Arabisch und Englisch) wesentlich zum Gelingen der auf diesen Seiten beschriebenen Kulturausflüge und den vielen Veranstaltungen und öffentlichen Auftritten beigetragen. Danke Arif! Wir lassen dich und deine Freunde nicht allein. Mit dem Ausbildungsvertrag ist der Weg durch die Instanzen vorgezeichnet, wir begleiten dich (und viele andere), wir schaffen das!

Arif

Link zum Beitrag in der WDR-Lokalzeit (bis 24. Mai).

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Montag, 1. Mai - Bila Hudud - Ohne Grenzen

Im Herbst 2016 macht sich also Mohammad Manoun, selbst Sänger und erfahrener Oudspieler, auf den Weg, Musiker zu suchen, die mit ihm zusammen die verlorenen Klänge aus seiner Heimat Syrien wiederentdeckten möchten (siehe auch den Beitrag vom 19.11.2016). Die ersten Wochen sind geprägt von musikalischen Experimenten und herben Rückschlägen: so wird der Perkussionist Meko, der die Gruppe entscheidend geprägt und durch seine sympathische und zuverlässige Art zusammengehalten hat, mit seiner kleinen Familie abgeschoben, für Meko, seine junge Frau und seine zwei kleinen Kinder eine Katastrophe, für uns alle ein herber menschlicher Verlust.

Eines Tages trifft Mohamad am Aachener Bushof zufällig Orwa: welch eine Freude, seinen Freund aus seiner Heimatstadt Latakia wiederzusehen, denn die beiden kennen sich gut von gemeinsamen Auftritten und Konzerten. Orwa hat es mittlerweile nach Holland verschlagen, wo er mit Frau und Kindern lebt. Gemeinsam mobilisieren sie in ihren Netzwerken befreundete Musiker aus Holland, Belgien und Deutschland, mit und ohne Fluchtbiographie. Kenan, virtous auf der Neyflöte, Duduk und der arabischen Trommel, somit ein Kenner der traditionellen syrisch-türkischen Musik aber auch des Volkstanzes, kennt wiederum Serkan, der seit seinem 6. Lebensjahr mit Darbuka und den verschiedensten Perkussioninstrumenten in allen Musikrichtungen zu Hause ist. Serkan wird dabei in bemerkenswerter Übereinstimmung begleitet von seinem ehemaligen Schüler Ali. Während beide den Herzschlag der Gruppe vorgeben, berührt Demitry aus Syrien mit seiner Geige und einer einfühlsamen Melodik die Seele. Beim gemeinsamen Musizieren im Aachener Jazzkeller "Franz" gesellt sich direkt zu Anfang Milan mit seiner Bassgitarre aus Eupen in Belgien dazu, und der Kontakt zu Mark und seiner hochprofessionellen Gitarre entsteht über ein kurzzeitiges Projekt der Musikschule Aachen.

Bis nach Düren, Siegen und Valkenswaard reichen bald die Netzwerke, und im Aachener Musikstudio Mufab mit dem Leiter Horst Schippers findet der wachsende Kreis eine freundliche und offene Heimstatt für die nun folgenden regelmäßigen Proben. Gemeinsam ist allen das Ziel, mit altvertrauten Klängen nicht nur die Herzen der oftmals jäh entwurzelten Landsleute zu wärmen, sondern auch zusammen mit den neuen Freunden in Aachen west-östliche Harmonien und Rhythmen zu vereinen.

Über nun schon fast 6 Monate wächst eine Musikerfamilie zusammen, freundschaftlich geeint durch ansteckende Spielfreude während intensiver Proben, ein tiefes Verständnis für die gemeinsamen musikalischen Wurzeln und Neugier gegenüber spannenden fremden Einflüssen. Wie selbstverständlich entsteht so eine Basis für die gemeinsame musikalische Entdeckungsreise in eine friedlichere Welt:
Eben Weltmusik ohne Grenzen. Bila Hudud.
Die Reise geht weiter....

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Samstag, 11. Februar - Die Neuen Öcher beim 11. Aachener Printencross

Unser Dank geht wieder an die Aachener Turngemeinde. Hier fühlen sich alle Läufer schon richtig zu Hause. Seit Juli 2016 trainieren wir jeden Samstag von 11.00 bis 12.30 Uhr auf dem wunderschönen Gelände und dem angrenzenden Aachener Wald rund um Diepenbenden.

Tolle Gemeinschaft und Unterstützung von allen Mitläufern und den Trainern Wolfgang Gloede und Günter Driessen!

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Samstag, 31. Dezember - Sylvesterlauf des DLC

13 Teilnehmer vom ATG Team/Die Neuen Öcher waren mit ihren vielen Fans und Freunden zum Aachener Markt gekommen, 10,3 km waren die Aufgabe am letzten Tag des Jahres!

Riesenspaß macht das Wetter, die Stadt präsentiert sich im schönsten Sonnenschein, und es ist einfach immer wieder ein Erlebnis, angefeuert von den vielen Zuschauern die Runden durch die Aachener Innenstadt zu drehen. 11 Finisher und 2 begeisterte Neu-Läufer, die sich fest vornehmen, nun regelmäßig zu trainieren.

Der 5 gemeinsame Wettkampf ist schon in Planung!

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Sonntag, 4. Dezember - Winterlauf der ATG

Die ATG hatte wieder geladen: 18 km! Bei schönstem Wetter versammelten sich alle 7 Läufer am Start am ehemaligen ATG-Jugendheim im Vichtbachtal, zusammen mit 2500 Läufern ging's los um 11 mit Ziel ATG Sportplatz am Chorusberg. Sonne und Eis hatten über Nacht die Landschaft der Voreifel und des Aachener Umlands verzaubert. Die Neuen Öcher waren wieder recht stark vertreten, sowohl als Läufer als auch mit 5 Helfern, die die Streckenposten rund um den Chorusberg und den Aufräumdienst am Vereinsgelände unterstützten. Einige der angemeldeten Läufer konnten allerdings krankheitsbedingt nicht teilnehmen, die Wintergrippe forderte Tribut. So hatten wir vorsorglich auch einen Abholdienst eingeplant, falls die Strecke doch für den einen oberen anderen zu lang sein würde, für die meisten war dies ja der erste 18 km-Wettkampf.

Aber alle kamen durch, und das auch noch mit beeindruckenden Ergebnissen!

Dank auch an die ATG, die unsere Gruppe wieder unterstützt hat.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Donnerstag, 15. Dezember - Demonstration gegen die Apokalypse

120 syrische Mitbürger machen am Mittag vor dem Elisenbrunnen auf die apokalyptischen Zustände im belagerten und bombardierten Aleppo aufmerksam.

Dr. J., mein Kollege, kommt aus Aleppo und ist seit 15 Monaten in Aachen. Er zeigt mir Handyfotos der Gewalt und Zerstörung.
Seine Familie ist noch dort.

55 Minuten Schweigen. Was ist da noch zu sagen, wenn sogar die Schreie in der Welt nicht mehr gehört werden?
5 Minuten am Schluss: ein leises Lied. Wir sind hier...

Viele bleiben mit ihren Einkaufstüten und Schultaschen im sicherem Abstand stehen.
Betroffenheit ist zu spüren: Unsichere Anteilnahme der Aachener, Empathie, kein einziges böses Wort.
Viele würden sich gerne dazu stellen, das spüre ich. Machen wir das doch einfach mal...

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Freitag, 2. Dezember - Demonstration 'Keine Abschiebung nach Afghanistan'

Sie haben einfach nur Angst, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.
Davor, dass sie plötzlich nachts abgeholt werden, kalt und unbarmherzig buchstäblich aus ihren Wohnungen gezerrt.
Ohne Abschied nehmen zu können von ihren neuen deutschen Freunden, den Kirchenkreisen, den Sportvereinen, den Nachbarschaften, den Schulklassen, den Kollegen.

Viele aus unserer Gruppe sind Hasara, ein Volksstamm, der vom Genozid bedroht wird.
Oder ihre Töchter, ihre Schwestern sollten verschleppt werden.
Mord und Barbarei überall dort, wo die Taliban an Einfluss gewinnen.
In diesem Land können sie nicht leben. Sie haben zusammen mit ihren Familien unter größtem Einsatz ihr Leben riskiert, um hierher zu kommen. Sie können nicht zurück.
Vielleicht gibt es sichere Gebiete. Wie lange noch? So sicher etwa wie Mazar-e-Sharif?
Plötzlich, am 10.11.2016 war auch dieses Gebiet nicht mehr sicher, nicht einmal unsere eigenen Truppen konnten das deutsche Generalkonsulat dort schützen.

Wie sollen sie nach ihrer Abschiebung in die sicheren Gebiete kommen, wenn die Transitstraßen von Taliban kontrolliert werden? Wer sorgt für das sichere Geleit, nachdem sie aus den Flugzeugen gestiegen sind? 40 Jahre haben die Großmächte alles versucht, dieses Land regierbar zu machen. Und nun soll es das billige europäische Tauschgeld richten? Die Warloards kreisen bestimmt schon wie die Geier über den versprochenen Millionen...

So kommen wir nicht weiter. So schaffen wir die Integration nicht. Die meisten der afghanischen Schutzsuchenden werden jahrelang hier bleiben ohne gesicherten Status. Das verunsichert die Männer, Frauen, Kinder, das verunsichert alle, die ihnen helfen wollen, endlich anzukommen. Absorbiert Energien, die an vielen anderen Stellen so dringend gebraucht werden.

Ja, auch ich, auch wir unermüdlichen freiwilligen deutschen Flüchtlingshelfer haben eine Stimme. Die haben wir uns wahrhaftig verdient.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Dienstag, 22. November - Eine Woche Praktikum in der Stadtbibliothek: die Einladung

Wie ein zweites Zuhause hat Aachens Stadtbibliothek Mohamed gewärmt in seinem ersten Jahr in Aachen, in Deutschland.

Mohamed kommt aus einer Küstenstadt in Syrien. Mohamed musste fliehen. In einer abgelegenen Unterkunft am Stadtrand Aachens ist er nun untergebracht, wenig dringt von dort in die Netzwerke der Unterstützer. Die Zahl derjenigen Aachener Helfer, die immer noch durchhalten, unermüdlich sorgen und sich kümmern und das dringend notwendige menschliche Bindeglied zu behördlicher Flüchtlingsverwaltung stellen, wird kontinuierlich kleiner.

Seit unserem Besuch in der Stadtbibliothek am 13. April hat Mohamed dort Anker geworfen, ist zwei-, drei-, manchmal viermal in der Woche dort eingekehrt. Hier ist er geborgen, hier vergisst er das Erlebte und taucht zunächst ein in die Welt der Musikabteilung. Beethovens Elise öffnet die Tür in die Notenabteilung, stundenlang sitzt er dort und am Klavier und verliert sich und seine traurigen Gedanken in der verliebten Melodie. Bald ist er mit Namen bekannt, sein Gesicht taucht in allen Abteilungen auf, sein Name bis in die obere Etage der nach staubigem abgegriffenen Papier riechenden nüchternen Verwaltungsräume. Die Menschen in der Bibliothek zu sehen, das tut gut. In der abgelegenen Unterkunft ist jeder für sich allein, ohne Kontakt zu Deutschen, ohne stabile Freundschaften, zu sehr ist dort jeder mit sich selbst und seinem Schicksal beschäftigt, die kulturellen Kluften zwischen den Herkunftsländern groß, die Unsicherheit, wie es weitergeht, ob es weitergeht, drückt das Sozialleben. So freut er sich, bekannte Gesichter zu sehen, wie die nette Dame, die unsere große Gruppe beim ersten und zweiten Mal geführt hat und Mohammed jetzt freundlich unterstützt. Ach, ob die Leitung weiß, wie wichtig ihre ermunternden Worte immer wieder sind? Dort, wo Selbstzweifel diese jungen Menschen plagen, immer wieder zum Weitermachen, zum Tun, zum Probieren und Nachfassen anregen?

So gerne würde Mohamed seinen vielen arabischen Landsleuten und all den anderen Geflüchteten aus der ganzen Welt zeigen, was „seine" Bibliothek zu bieten hat. Wo er die verborgenen Schätze der deutschen Kultur entdeckt hat, Mansar jamil, die Bildbände mit blühenden Landschaften, die Schätze des deutschen Bibliothekslebens vergleichen mit den Erinnerungen aus der Heimat. Zusammen könnten sie stöbern in den Musikbüchern, über die Noten dort die fremden mit den trauten Harmonien mixen. Hier hat Mohammad die deutschen Liedertexte gefunden, singt sie auswendig und lernt so die Satzmelodien mit kaum hörbaren Akzent.
Unkonventionell hat er sich mithilfe der Bibliothek auf diese Weise der deutschen Sprache genähert, Improvisation im Spracherwerb ist angesagt, denn Sprachkurse, gescheite zumal, sind rar gesät für die, die auch jetzt noch, nach 14,15 Monaten Aufenthalt immer noch nicht ihr Asylverfahren abschließen konnten. Bis zum nächsten Sprachkurs muss er warten bis April. Die Bildungsstrukturen, der Weg ins Studium oder ins Arbeitsleben sind alles andere als einfach zu durchdringen, gerade für die vielen Geflüchteten, die schon älter als 18 sind. Ohne wohlwollende Begleitung durch deutsche Freunde und Unterstützer sind viele Wege kaum aufzufinden. Manch einer gibt sich angesichts der quälenden Wartezeiten auf, resigniert und wartet, wartet auf die Heimat, die nie mehr so sein wird wie früher, in die er vielleicht nie mehr zurückkehren kann.
Nicht so Mohamed. Er ist unermüdlich ein Kämpfer im Dienst der deutschen Sprache, er hat ganz im Selbststudium ein erstaunliches Sprachniveau erreicht, in der Stadtbibliothek im WLAN hat er online gearbeitet, an einem der vielen Computerarbeitsplätze, dort dicke Kladden mit Listen mit unregelmäßigen Verben und einem immensen Vokabular gefüllt, die Papierstapel ein Zeugnis seines starken Willens, hier bei uns anzudocken. Die bunt zusammengewürfelten und gutgemeinten Laienkurse haben ihn irgendwann nicht mehr weitergebracht.

In seiner Heimatstadt hat er bereits einige Monate Bibliothekswesen studiert. Das reichte um ihn zu begeistern, natürlich noch nicht, um ihn mit dem notwendigen Rüstzeug for eine qualifizierte Hilfstätigkeit auszustatten. Darf er es trotzdem wagen? Darf er sich mit seinem selbstverfassten Lebenslauf und einem kleinen Anschreiben, das seine Helfer nur wenig korrigieren mussten, für ein kurzes berufsorientierendes Praktikum bewerben? Nur eine Woche Einblick nehmen backstage sozusagen, mitlaufen, sich orientieren, Vergleiche ziehen, Perspektiven entwickeln, einen dualen Ausbildungsberuf kennenlernen und vor allem: den Menschen näherkommen, ja, den Menschen dort, die so gut tun können. Seine Freunde könnte er, Mohamed, im Labyrinth der Regalriesen als Praktikant in der Muttersprache an die Hand nehmen. Für sie wäre er einer der wenigen Leuchttürme, die es aus Eigeninitiative in ein Praktikum geschafft haben, und könnte sie vielleicht anregen, es ihm anfangs noch mit Unterstützung ihrer deutschen Freunde gleichzutun.

Man wird es ihm für diese kurze Praktikum nachsehen, dass seine Deutschkenntnisse noch einen Gesprächspartner brauchen, der ihn ansieht, seine Lippen deutlich öffnet beim Sprechen und ihm hilft. Bemerkenswert, wie er als Autodidakt sein Sprachverständnis schon präsentiert. Mit Leichtigkeit kann er einer konzentrierten Konversation folgen, ja, er telefoniert selbstständig mit Behörden. Jetzt sucht er im Internet nach Informationen zum Ausbildungsgang Bibliothekswesen, immer wieder geht er mögliche ´Fragen in der bevorstehenden Vorstellungsrunde durch, formuliert und denkt nach. Hoffentlich ist er nicht zu aufgeregt dann, denke ich mir.

Und heute kam der Brief: Mohamed hat eine Einladung zur Vorstellung bekommen! Wohlgemerkt, es geht nicht um einen Ausbildungsplatz, es geht nur um einen Einblick in das Berufsfeld! Er ist überglücklich, wie wunderbar, er fühlt sich wahrgenommen, geachtet, es geht weiter. Auch wenn es nur eine kleine Woche ist, es ist ein gutes Zeichen.

Er ist stolz auf seine Bibliothek. Dort, wo er bald ein Vorstellungsgespräch haben wird. Für eine Woche Praktikum. Ein Anfang, ein Wendepunkt.

Nachsatz: berufsorientierende Praktika (z.B als sogenannte "Massnahmen beim Arbeitgeber", MAG ) werden von der lokalen Arbeitsagentur als integrationsfördernd unterstützt und erfordern die vorherige schriftliche Genehmigung. Hierzu bitte Kontakt aufnehmen zur Arbeitsagentur, wenn ein interessierter Betrieb, der Geflüchteten diese Chance geben will, gefunden ist.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Samstag, 19. November - Musiker finden sich

Oud, ja was ist eine Oud? Mohamed hat es mir gezeigt, einen ganzen Sonntagnachmittag haben wir im Café Kittel verbracht, wo er mir sein Leben erzählt hat, das ich dort mit ihm in knappe biographische Daten für einen Lebenslauf gepresst habe,Grundlage für eine Praktikumsbewerbung in einer der Bibliotheken der Stadt. Viele Auftritte und auch Konzerte hat er schon in Syrien gegeben, er zeigt mit die verbliebenen Tonkonserven, die er noch erhalten konnte, nachdem sein Handy verloren hatte. Besonders berührend wie er da spielt noch im Kreis seiner Familie, im Hintergrund die Kinderstimme seiner kleinen Schwester, die noch in Syrien ist, dort, wo jetzt die Bombeneinschläge zu hören sind...
hier verschmilzt er mit seinem Instrument und singt mit wunderbar weicher Stimme dazu.

Über YouTube zeigt er mir die Virtuosen diese Instruments, und weil am Nachmittag das Café leer ist, beschallen wir unsere Nische mit der fremden Musik aus dem Laptoplautsprecher. An diesem Nachmittag gründen wir eine kleine Whatsappgruppe Musik. Jamshid kenne ich schon aus der Whatsapp-Gebrauchtmöbelgruppe, einer Tauschbörse für Gebrauchtmöbel, einer Kontaktplattform zwischen Aachenern, die froh sind, ihre alten Möbel einen guten Zweck zuführen zu können, und umziehenden Flüchtlingen, die fast alles gebrauchen können. Ja, eine Geige ist auch irgendwie ein Möbelstück, und so suchte Jamshid eine Geige im Möbellager. Und sein Freund Ali ist Gitarrenlehrer.

Meine alte Gitarre darf jetzt endlich von einem echten Könner bespielt werden. Und Mohammed spielt die Oud, einer Leihgabe, die wir auch schon mit viel Aufwand auftreiben konnten. Seit einem Jahr träumt er davon. Die Aachener Musikaliengeschäfte haben die neuen Töne noch nicht im Programm.

Eine erste Verabredung folgt schon nach wenigen Tagen, und am Samstagnachmittag kommen sie, die ersten drei, ich habe es niemandem verraten, um die Ruhe zu haben für dieses erste Sondieren in der Barockfabrik.

Und dann erzählt Jamshid und zeigt die Bilder in seinem Handy. Von den Musikern mit fremdartigen Instrumenten, in seiner stattlichen Gruppe, die bis vor kurzem auf ihrer eigenen Flucht durch die noch frischen Flüchtlingslager der östlichen Welt gezogen sind. Er zeigt die Bilder wie sie dort inmitten der bunten Menge auf dem Boden sitzen und musizieren.Er erzählt wie sich die Musiker verloren haben, nicht jeder hat es geschafft bis nach Europa.Sie haben für Momente Seele eingehaucht in die weißen eintönigen Zeltstädte, die dort auf den Bildern zu sehen sind, und die Menschen dort endlich wieder Heimat fühlen lassen.

Jamshid ist nun als einziger der einst großen Musikergruppe in Europa angekommen und sitzt jetzt mit Ali, Mohamed und mir im Roten Saal in der Aachener Barockfabrik. Die melancholischen Halb- und Vierteltöne im Wechsel mit fröhlichen Rhythmen gehen mir gleich unter die Haut, ja, ich bin selbst überrascht über die universelle Saite in mir, die auch bei diesen neuen Harmonien klingt und mir eine Gänsehaut bereitet wie regelmäßig bei Beethoven, Tschaikovski oder Rachmaninow. Jamshid spielt virtuos, aber kann keine Noten, er stimmt nach Gehör ohne Stimmgabel, er spielt auch Zetar und Klavier, er lebt für die Musik. Noten möchte er gerne lernen um in die Wiener Klassik einsteigen zu können, er fiebert nach europäischer Musik.

Wo kann ich ihn hin schicken? Zum reden, zuhören, spielen?

Er ist seit einem Jahr hier und hält hier nach anderthalb Jahren zum ersten Mal wieder eine Geige in der Hand. Ein Sponsor, selbst eng verbunden mit der Musikerszene in Aachen, hat sie ihm über mich überreichen lassen. Ich habe sie Freitag in einem Musikgeschäft in Aachen abgeholt und dabei viel gelernt und gelacht, wieder habe ich einen empathischen und freundlichen Aachener kennengelernt.

Es ist zwar nur eine einfache Anfängergeige die sich kaum stimmen lässt, aber nach kurzer Zeit hat Jamshid sie zum Singen gebracht. Liebevoll hat er sie in Besitz genommen, schön zu hören wie er sie behutsam an die Töne heranführt, die ihr zunächst nur mühsam zu entlocken sind, weich und harmonisch klingt es dann.Und dann spielen sie zusammen, Mohamad mit der arabischen Oud, Jamshid mit seiner kurdischen Rhythmik, und auch Ali kommt dazu, und ich bin Zeuge, wie auf einmal Neues wie selbstverständlich zusammen wächst, weil sie sich so gut zuhören können, wenn sie da spielen, auch wenn sie ihre Sprachen nicht verstehen.

Wissen wir alle wie leicht eine Geige dort in ihrer Tasche liegt? Ein ganzes Universum, das sich mit dieser Musik auftut und dabei ist alles so federleicht...
ach hätte ich nur eine Geige und könnte so schön spielen. Diesen Menschen wurde alles was uns gut und wichtig erscheint, alle materiellen Güter genommen, und doch sind wir irgendwie neidisch. Verzichten mussten sie auf alles und können noch doch so reich und stark sein. Alles was ich selbst in der Musik suche und höre und fühle, mein ganzes Leben lang schon, zerschellt gerade an unseren Grenzen. Ich höre Musik anders seitdem.

Unwanted people sind auch wir hier, wir vier, gerade noch gemeinsam in fremden Klangwelten, seltsam vertraut und fast verschworen haben wir uns zugehört. Unser erstes west-östliches Musikertreffen, ein zaghaftes -sensibles erstes Kennenlernen sollte es ja nur sein, formlos und fast spontan, wieviel Platz ist da für noch nicht kanalisierte Kulturexperimente auf dem barocken Divan?

Und dann müssen wir vier schnell den roten Saal verlassen. Die Stühle müssen noch gerückt werden für das Theaterstück am morgigen Sonntag. Wir suchen jetzt einen Platz zum Proben und für spannende Musikexperimente über alle Grenzen hinweg.

Unwanted people. Ich nehme es als Teil meiner Erfahrungen mit unseren neuen Mit-Menschen. Und kann nicht agieren, nur reagieren. Das ist irgendwie auch gut so, authentisch. Don't fight the system. Fiddle it.

Überlastung allerorten. Die Welt ist heutzutage kaum zu er-tragen.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Samstag, 5. November - Der Radius wird größer

Nichts Böses ahnend habe ich vor wenigen Tag einen Aufruf der studentischen Initiative „Hêvi“ zu einem Ausflug nach Köln und Bonn ins Haus der Geschichte in unser Netz gestellt. Es sollte nur eine kleine solidarische Werbung für die tolle Idee der jungen Leute sein, mit jungen geflüchteten Erwachsenen unsere Nachbarstädte zu erkunden.
Und dann kamen sie, die Rückmeldungen: innerhalb weniger Stunden 20 Anmeldungen, aus den Unterkünften, den Wohnungen in der Stadt und den Außenbezirken, von Roetgen bis Strass, von Alsdorf bis Stolberg:

Schnell, bei 30 Teilnehmern, wurde die Anmeldeliste für geschlossen erklärt. Hevis Kapazitätsgrenzen waren schon längst erreicht. Ein paar klärende Telefonate, und die zurückliegende Erfahrung mit der Gruppe im letzten Jahr machten mir Mut, die eigene Gruppe zu organisieren: Yallah. Auf geht’s.

 

Am Samstag morgen um 9 warteten dann nicht 30, sondern 55 Leute. Oops. Männer, einige Frauen, eine Familie mit 4 kleinen Kindern und den Großeltern, wir kennen uns ja schon von Besuchen in der Barockfabrik und vom gemeinsamen Kochnachmittag in Martins Auferstehungskirche. Fragende Blicke in der Runde: was machen wir jetzt? Schaffen wir das? Ja, wir schaffen das. In dieser Gruppe sind schon ganz andere Herausforderungen gemeistert worden- gerade und vor allem unterwegs. Hier führt keine einsame Reiseleitertante, hier helfen alle, dass wir zusammenbleiben, keiner verloren geht. Ängstlich schauten einige, die zum Schluss gekommen waren. Nehmt ihr uns noch mit? Klar, meinten Khalid, Hamid, Shah und viele andere. Wir schaffen das. 5er Gruppen für das „Schöner Tag Ticket“ bilden sich schnell, sie werden den ganzen Tag zusammenbleiben. Ameisen organisieren sich schließlich in ganz anderen Stückzahlen...

In den vollbesetzten Zugabteilen haben sich dann alle schnell verteilt. Unaufgefordert und spontan kamen sie dann wie aus dem Nebel, die Helfer mit dem Talent, meinen fragenden Blick zu erspüren, wenn denn die nächste Gruppenaufgabe gestemmt werden muss: zusammen laufen wir entspannt und locker auf der Mitte der Strecke nach Köln den vollbesetzten Zug ab und erklären allen den Plan. Hier ein Plausch und da ein Lachen, in 17 Minuten also alle raus am Hbf Köln, dann in 12 Minuten den Bahnsteig wechseln, vor dem Einstieg in den Zug nach Bonn auf alle warten. Alle helfen mit, die Kommunikation per whatsapp, die Orientierung online funktioniert, die Fahrpläne werden per Screenshot verteilt. Alle 55 sind drin im Zug nach Bonn, und dort müssen wir dann die Straßenbahn finden. Eine kleine Fehlinfo leisten wir uns probehalber: Straßenbahn fängt zwar auch mit S an, aber die S-Bahn hält nun mal nicht am Museum. Unser Schwarm formiert sich neu, vorne wird hinten, und dort weiß die Vorhut auch schon flugs mittels google maps: da geht’s lang. In der Straßenbahn besetzen wir 2 Abteile, und am hinteren Zipfel lachen, singen und klatschen wir afghanische Rhythmen. Superstimmung.

Die Straßenbahn fährt pünktlich quasi mittenrein ins Museum. 55 statt 30 Teilnehmer? Da wird der bestellte Führer blass, aber das Museum zeigt sich flexibel: die 2. Führerin steht schnell bereit, ganz spontan schiebt sie ihren privaten Anschlusstermin.

Briefing im Eingang. Wie man sich im Museum benimmt. Jaja. Die Mützen werden kurzfristig zum epischen Mittelpunkt der musealen Erläuterungen. Und ja, die Handys. Da sieht man mal wieder, alle haben Handys, kommt es ein bisschen beißend von offizieller Seite.
In unserer Gruppe die Familie aus Aleppo. Die Mutter tot, erschossen im Krieg. Die 4 Kinder mit den Großeltern hier. Der Vater noch in Syrien. Ahnt unser Museumsführer, dass das Handy die Nabelschnur zur Familie, zu den Geschwistern, den Eltern ist, wenn das Geld für die Schlepper nur für einen reicht? (ja, auch Menschen aus unserer ehrenwerteren?? Gesellschaft schleppen) Ahnt er, dass das Handy die letzte Möglichkeit ist, Nachrichten aus dem Chaos der Heimat in der Landessprache zu verfolgen? Ahnt er, dass das Handy helfen kann, die drohende Vereinsamung in unseren anonymen Städten zu stoppen? Ahnt er, dass das Handy bei behördlich verweigerten Kursen unschätzbare Dienste beim Spracherwerb leistet? Und die einzige Möglichkeit ist, die Hoffnungslosigkeit und aufkeimende Depression zu bekämpfen, wenn sich das Erlebte in der Nacht wieder einmal an die Oberfläche frisst? Ahnt er, dass ein Mensch über Monate und oft auch schon Jahre der Flucht mehr braucht, als Essen und ein Dach über den Kopf allein? Gesteht er ein, dass wir alle in vergleichbarer Situation auch ein Handy ganz oben auf die Liste der über-lebensnotwendigen Utensilien stellen würden? Empathie ist ein großes Wort.

Was hat unser Museumsführer uns ausgesucht? Wir sind alle gespannt. Die Dauerausstellung im Haus der Geschichte zeigt die Entwicklung in Deutschland seit 1945. Und da fängt er auch an, sucht Parallelen, historische Gemeinsamkeiten, Ausblicke und Lösungsansätze. Beklemmend die qualmenden Häusergerippe der Großstädte, Köln zu 90 Prozent zerstört. Die riesigen Schuttberge erinnern an die Bilder aus Aleppo, an die Geisterstädte in Sindschar, googelnd suche ich jetzt beim Schreiben die Bilder der verwüsteten Dörfer und Städte aus der Heimat meiner Begleiter. Das Elend der damaligen Zeit in den staubbedeckten und hohlwangigen Gesichtern der Überlebenden wird in diesen Tagen bei unseren Mit-Menschen hier in Aachen wieder neu erfahrbar, die Bilder in Facebook und auf den Handys zeugen beklemmend von der Austauschbarkeit der Schicksale.
Der Improvisationsgeist, die Hemdsärmeligkeit der Trümmerfrauen, die Solidarität der Aufbruchsstimmung, was kann übertragen werden?? Ja, unsere Feinde haben damals Frieden geschlossen und damit den Wiederaufbau ermöglicht. Wann schließen die mafiös organisierten Feinde der heutigen Kriege Frieden untereinander? Wo sie sich ja konsequent jeder umfassenden und präzisen Darstellung der Nachschubwege, internationalen Unterstützung und politischen Verflechtungen in den Medien entziehen? Wann schließen sich die schwärenden Wunden der Kriegstraumata, der furchtbaren Erlebnisse?
Und was sind die Bedingungen des Wiederaufbaus? Welcher Marschall, welche Weltöffentlichkeit hat Interesse am Wiederaufbau der verwüsteten Dörfer? Ja, sie werden dringend gebraucht, die Hemdsärmeligen aus den Tagen der jungen Republik. Wenn die Weltöffentlichkeit sie nur ließe, echten Anteil nähme an den Katastrophen dort. Wenn ein Überleben in diesen Ländern doch schon möglich wäre. Gerade heute steht es ohne Schamesröte in der Zeitung über das Wahlprogramm einer unserer Volksparteien. Die Höherqualifizierten hätten wir gerne hier, hier mögen unsere Politiker und Flüchtlingsverwalter bitteschön die langfristigen Integrationsprogramme platzieren. Und die anderen Schutzsuchenden: husch, husch zurück. Mit dem anbiedernd- scheinhumanitärem Appell, durch Abschiebung doch den Wiederaufbau zu fördern, scharen sie die Populisten des kommenden Wahljahres schon jetzt vorsorglich hinter sich. Wenn die Abgeschobenen denn die gefährliche Reise in die wenigen ruhigen Gebiete dorthin bloß überleben würden.

Und die potentiellen Führungskräfte, die werden also hierbehalten. Der Widerspruch bleibt nicht unentdeckt, meine lieben Politiker...

So viele Fragen. So viel gäbe es zu erzählen, voneinander zu lernen. Und dann bleiben alle stumm vor den Exportkisten stehen. Die Exponate geben Zeugnis vom frühen Wirtschaftswunder Made in Western Germany: die Schreibmaschinen, die Radios und ein Teddybär mit Knopf im Ohr.

Ja, mit anpacken würden sie alle gerne hier und anderswo. Wenn man sie nur ließe.

Nach einer Stunde geben wir die Audioguides zurück. Pizzastop an den Biertischen auf dem Bonner Münsterplatz, noch ist nicht die Zeit für beredte Ausführungen zu den vielen Größen der Welt, die dazumal vom Balkon des Bonner Rathauses huldvoll gewunken haben. Wir genießen einfach die letzten Sonnenstrahlen, freuen uns beisammen zu sein und machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Keiner fehlt, auch nicht, als wir am Bahnhof in Köln ankommen. Welch eine Hochstimmung, als wir aus dem dunklen Gewölbe ans Licht treten. So jung dort das Publikum, die Steeldrums, die Gaukler, wir tanzen ausgelassen über die Domplatte, an der beeindruckenden Phalanx der Einsatzwagen vorbei. Monumentales Staunen über den mächtigen Dom hier in unserer Mitte. Ich warte auf meine Begleiter im Vorraum. Es gibt Bauwerke, die wirken ohne Erklärung.

Und dann sind sie ohne Absprache alle wieder da. Nun teilt sich der Schwarm. Die neue Freiheit fühlt sich gut an, die 5ergruppen formieren sich neu, die Familien fahren nach Haus, die Kinder und auch der Opa sind erschöpft.
Die Jungen schwärmen fröhlich in die Kölner Altstadt aus, aber viele kommen noch mit über die Hohenzollernbrücke ans Deutzer Ufer. Hier stehen wir und genießen zusammen mit den vielen Pärchen den herrlichen Blick auf die abendlich erleuchtete Altstadt, dort drüben, am anderen Ufer.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Samstag, 10. September - "Keine Angst vor Bielefeld"

Zusammen mit der Barockfabrik organisierten wir die Informationsveranstaltung "Keine Angst vor Bielefeld".
1600 geflüchtete Menschen aus der Städteregion Aachen wurde innerhalb einer Woche zum Transport in die Landesunterkunft Bielefeld eingeladen, zur Registrierung, Asylantragstellung und gegebenenfalls Anhörung. Die Veranstaltung informierte darüber, was die Geflüchteten dort zu erwarten hatten.

Freitag, 19. August - Berufsinformationszentrum und Wabe e.V.

Mit 17 Geflüchteten besuchten wir das Berufsinformationszentrum an der Roermonder Straße und den Verein Wabe e.V. an der Jülicher Straße.

Samstag, 6. August - Fahrradausflug auf dem Vennbahnweg

Gemeinsamer Fahrradausflug auf dem Vennbahnweg. Unterwegs besuchten wir die Garteninitiative "Neue Wurzeln" und das Freizeitgelände Walheim, wo wir mit 20 Teilnehmern ein Picknick machten. Die Fahrräder wurden von der von Flüchtlingen geführten Fahrradstation (Leitung Richard Schmidt) der Theodor-Körner-Kaserne zur Verfügung gestellt.

Freitag, 5. August - DLR Schoollab

Angelika Backes organisierte den gemeinsamen Besuch des DLR Schoollab mit "Infosphere" und "Roboscope".

Mittwoch, 13. Juli - DGB-Veranstaltung "Arbeitsmarkt"

Wir unterstützten den DGB bei der Organisation einer Veranstaltung zum Thema "Zugang zum 1. Arbeitsmarkt für Flüchtlinge". U.a. wurden dort die Aufgaben von Integration Point/Arbeitsagentur/Jobcenter vorgestellt, zum Thema Mindestlohn referiert sowie die Möglichkeiten der Kooperation zwischen DGB, Stadt Aachen und ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe diskutiert.

Mittwoch, 21. Juni - Betriebsbesichtigung bei Nesseler und Grünzig

23 Geflüchtete besuchten die Firma Nesseler und Grünzig und wurden informiert, welche Arbeitsmöglichkeiten es dort gibt.

Freitag, 17. Juni - Abendliches Fastenbrechen

Asam Mir und Heike Heinen luden Freitag und Samstag zum gemeinsamen muslimischen abendlichen Fastenbrechen im Pfarrgemeindehaus St. Johann ein.

Donnerstag, 8. Juni - Vorstellungsgespräche bei einer Bäckerei

In einer Aachener Großbäckerei erfuhren interessierte Geflüchtete, wie sie dort als Bäckerhelfer arbeiten können.

Freitag, 3. Juni - Berufsinformationszentrum

Geflüchteten Menschen wurde vorgestellt, welche Möglichkeiten das Berufsinformationszentrum (BIZ) ihnen gibt.

Dienstag, 31. Mai - Ausstellung "The Epic"

Besuch der Ausstellung "The Epic" von Pola Sieverding im Neuen Aachener Kunstverein. Führung durch die Ausstellung mit anschließendem geselligen Zusammensein der 70 vornehmlich geflüchtete Teilnehmer. Dazu gab es ein pakistanischem Reisgericht und den Film "The Wrestler".

Mittwoch, 18. Mai - Berufs- und Ausbildungsmesse ZAB

Auf der Berufs- und Ausbildungsmesse ZAB konnten zahlreiche Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern geknüpft werden.

Freitag, 6. Mai - Kunstaktion

Teilnahme an der Kunstaktion mit Barockfabrik anlässlich der Karlspreisverleihung an den Papst. Organisiert wurde die Aktion von Alexandra Lünskens und dem Team der Barockfabrik.

Mittwoch, 4. Mai - Die Sternwarte

 

 

 

Donnerstag, 28. April - Besuch in der Handwerkskammer

Die Handwerkskammer Aachen vertritt über 200 Handwerksberufe. Wir hatten Ende April die Möglichkeit mit interessierten Zuwanderern zu hören, was hinter bestimmten Berufen steckt, welche Anforderungen bestehen und wie eine Ausbildung in Deutschland verläuft. Frau Lüke-Kreuzer als Zuständige für Immigranten bei der Handwerkskammer empfing uns herzlich und hat uns rundum toll informiert. Danke dafür! Frau Lüke-Kreuzer hat direkt ihre Kontaktdaten verteilt und ihre Hilfe bei der Vermittlung z. B. von Praktika angeboten. Danke auch an die zwei Auszubildenden, die an dem Abend auch da waren und allen durch ihren persönlichen Weg Mut gemacht haben.

Angelika Backes, Initiatorin (letzte Reihe, 9.v.r.)
Barbara Lüke- Kreutzer, Projektkoordinatorin der HWK (letzte Reihe, 7.v.r.)

Mittwoch, 27. April - Bäckerei Nobis

Sonntag, 24. April - Konzert in der Citykirche

Samstag, 23. April - Baumesse Aachen

 

Samstag, 16. April - Ein Tag in der Barockfabrik

Jeden Samstag, nun schon seit Mitte Februar, öffnet sich von 11:00 bis 17:00 Uhr die Barockfabrik für alle, die mit Ibrahim Alauwad im offenen Atelier alte Techniken des syrischen Kunsthandwerks ausprobieren und erlernen möchten. Selbst als Flüchtling vor 2 Jahren nach Aachen gekommen und ehemaliger Lehrstuhlinhaber an der Universität von Damaskus, hat Herr Prof. Alauwad mittlerweile eine große Anziehungskraft für Interessierte jeden Alters. Am Samstag ist der Termin in der Barockfabrik für viele schon zum Höhepunkt der Woche geworden. Hell, gastfreundlich und offen sind die Räume ein beliebter Treffpunkt für geflüchtete Menschen und deutsche Familien, alleinstehende Mütter, Kinder, aber auch solche, die einfach nur das Gespräch mit Alt- und Neu-Aachenern suchen. Die Küche und das Café als Aufenthaltsraum mit Getränken und Selbstgemachtem bieten zusammen mit den großen Atelierräumen eine wunderbare geschützte und familiäre Atmosphäre, eine entspannte Begegnungsstätte für Ehrenamtler und Geflüchtete, solchen, die sich gerne in den verschiedenen Ateliers umschauen und austoben möchten oder Familien mit Kindern, die an den Tischen des Cafés zusammen spielen oder einfach nur einen Kaffee oder Saft trinken möchten. Und noch ein neues Highlight: Scheibub, den Alt-Öchern seit Jahren bekannt als großer Pantomime, wird regelmäßig samstags in der Barockfabrik uns alle die Möglichkeiten der Körpersprache erfahren lassen. Schon jetzt vielen Dank! Die folgenden Impressionen sollen einen Eindruck vermitteln, was an einem ganz gewöhnlichen Samstag in der Barockfabrik passiert.




Ibrahim und seine Fans.An einem großen Ateliertisch stehen viel Materialien bereit. Ton, Rahmen zum Papierschöpfen, Er erzählt von seinem Land. Die Kinder mögen ihn. Er zeigt ihnen alles und hat sehr viel Geduld. Sie machen es sehr,sehr gut, sagt er.

Fluchterlebnisse - zum Anfassen nah

Geflüchtete erzählen von ihren Erlebnissen während der langen Flucht nach Deutschland




Eigene Fluchterlebnisse werden über mehrere Wochen mit Filztechnik dargestellt. Alle Anwesenden helfen abwechselnd mit. Es kommen immer wieder neue Flüchtlinge dazu, alle haben viel zu erzählen und setzen ihre Geschichten in Filz dazu. Die folgenden Beschreibungen geben wieder, was die Anwesenden während des "Filzens"erzählt haben.



Das Boot. Keiner von uns wusste, wie man steuert. Es war dunkel. Wir haben die Küste nicht gesehen. Nur einer hatte ein Handy. Damit haben wir versucht, Lichtsignale zu geben.



Das Touristenboot. Ja, am Tag haben sie uns gesehen. Manchmal haben sie uns geholfen. Manchmal sind sie einfach nur schneller gefahren. Dann sind die Schlauchboote im Wellengang gekentert. Ja, die Menschen sind dann ertrunken. Wir haben das manchmal gesehen.



Das Polizeiboot. Manchmal sind sie gekommen und haben uns geholfen. Manchmal konnten einige von uns gerettet werden. Hier liegen sie schon im Wasser.



Der Lastwagen. Unter der Plane haben wir gesessen. Tagelang. Wir hatten Angst. Wir waren sehr viele.



Die türkische Küste. Manchmal lagen Tote am Strand.



Das ist ein Piratenboot. Wie findest du das? Die wollten immer Geld von uns.



Die griechische Küste. Immer haben schon Polizeiautos auf uns gewartet. Und das Rote Kreuz.



Einer von uns mit Schwimmreifen im Wasser.Manchmal sind sie kurz vor er Küste gekommen und haben das Schlauchboot zerstochen.Die meisten sind dann ertrunken. Die Schwimmwesten waren oft nur billiger Fake.Schwimmen?Wo sollen wir das gelernt haben? Die meisten von uns hatten nur wenige Wochen, oft auch nur Tage Zeit, bevor wir los gelaufen sind.



Irgendwann waren wir 10. Ein richtiges Team. Wir haben viel zusammen erlebt, haben uns geholfen. 5 Frauen und 5 Männer. Die Frauen sind alle auf der Flucht gestorben. Nur wir drei Männer haben überlebt.



Seine Geschichte will er das nächste Mal erzählen.

Barockfabrik
Zentrum für Kinder- und Jugendkultur
Löhergraben 22
52064 Aachen
http://www.barockfabrik-aachen.de/de/veranstaltungen/kunst-kreativitaet-und-kalligraphie.html
 




Mittwoch, 13. April - Die Stadtbibliothek

Freitag, 8. April - RWTH, Institute of Laser Technology (ILT)

Das Fraunhofer Institut für Lasertechnik (ILT) ist eine der großen Forschungsinstitute in Aachen. Das ILT bot mit einer tollen und interessanten Führung den neuen "Aachenern" einen tollen Einblick, was mit Licht alles zu machen ist.

Gerhard Backes und seine Kollegen zeigten sehr anschaulich und ganz konkret was am ILT erforscht und erarbeitet wird. Es wurde viel gefragt und bestaunt.

Danke ans ILT.

Mittwoch, 6. April - Der Dom

Mit dem ehemaligen Dompropst Helmut Poqué

Mittwoch, 23. März - Stadttheater

Kurzer Prolog: Willkommen, Hilal Bedir, als Stadtspaziergängerin!
Kirsten, Hilal und ich haben festgestellt, dass wir drei eine ähnliche Lust an Entdeckungstouren durch Aachen haben. So hat Hilal eine Kneipentour organisiert: wo gibt es freies WLAN für die Onlinekurse, wenn es in der Unterkunft wegen der Finanznot der Stadt oder aus organisatorischen Gründen noch nicht eingerichtet ist oder eben völlig überlastet, wo kann man sich treffen zum Schach oder Backgammon, wo kann man für wenig Geld Salsa tanzen? Und so schob sie mit einem Tross von 30 Neu-Aachenern am Elisenbrunnen, Dom und Rathaus vorbei in die Pontstraße und erarbeitete einen regelrechten Kneipenplan in Aachens Studentenviertel. Hilal ist zudem Inhaberin eines Abos für den aktuellen Spielplan des Theaters. So war sie mit ihrer Gruppe von Flüchtlingen aus der Beginenstraße bereits zum zweiten Mal in einer kostenlosen Kostprobe und hat schon ein kleines Stammpublikum aufgebaut. Auch wenn das Sprachniveau des Theaters nach 3 Monaten bunt zusammengewürfeltem Sprachunterricht deutlich an die Grenzen der Teilnehmer stößt, so zählte das Gemeinschaftserlebnis, die besondere Theaterstimmung und die Freude, das eine oder andere schon zu verstehen.

Backstageführung

Da hatten wir über Hilal schon gleich eine Fangemeinde des Stadttheaters beisammen, als es hieß, die altehrwürdigen Bühnen einmal hintenrum , backstage, zu erkunden. 35 waren gekommen, für Lukas Popovic als altem Theaterhasen kein Problem , solch eine Gruppe zu fesseln. Dafür sei Theater doch da, zu improvisieren, das Neue aufzugreifen und das Publikum selbst zum Thema zu machen. Frau Schelhaas als Pressesprecherin ist klar und engagiert auf unserer Seite, die Kooperation während der Vorbereitung und auch am heutigen Tag (Hilfe! es kommen viel mehr als erwartet! wir brauchen einen Plan B! )verlief mit ihr rundum freundlich und ermutigend, vielen Dank dem gesamten Theaterteam!. Von den Logen zu den billigen Plätzen, von unteren Parkett zu den oberen Rängen wechseln wir mit Lukas Popovic die Perspektiven , welche Theatererfahrungen haben die Teilnehmer, wie und wo sitzt das Publikum in Afghanistan, in Pakistan, in Syrien, was wird dort gespielt? Und da bemerkt Mohamed die riesigen Bühnenscheinwerfer : Häßlich seien sie doch eigentlich, in unserem schönen plüschigen Theatersaal- ja , darüber haben die Aachener seinerzeit auch schon gewettert, aber neue Theaterkonzepte binden die Zuschauer ein, holen sie in das Geschehen, lassen sie teilnehmen , und da brauchen wir eben eine Beleuchtung, die das alles mitmacht. Und unser Theater macht eine Menge mit.

Und immer turnen die geschäftigen Bühnenarbeiter vor uns auf Leitern und Podesten, da wird gekonnt und routiniert umgebaut vom Tannhäuser zum Godot. Richard Wagner, klar, den kennt Frank aus Nigeria, und die Westsidestory auch. Naja, Godot eben nicht. Noch nicht. Gerade ist er mit seinen beiden kleinen Kindern auf der Flucht über Libyen und seiner Frau dem Gemetzel des Boko Haram entkommen, auf dem Boot, mit dem Erlebnis, das ihm noch im Gesicht geschrieben steht:28 der 400 haben es nicht geschafft ….Wir krabbeln in den Bühnenturm, schauen aus 20 Metern Höhe auf die Bühne herab, lassen uns den eisernen Vorhang erklären, der den Bühnenraum unerbittlich und unaufhaltsam von den Zuschauern abtrennt, wenn es zu Feueralarm kommt. Gottseidank. Wir sind sicher hier.

Als nächstes landen wir in den Kammerspielen, wo sich die Tänzerinnen gerade warm machen für das Tanztheater Pandora. Sie lassen sich von unserer Gruppe nicht stören beim Biegen und Dehnen. Der Choreograph Joost Vrouenraats freut sich, uns zu sehen, wir kommen wie gerufen. Zufällig hereinspaziert und jetzt mittendrin im Geschehen. So lang habe er sich mit dem Thema Krieg, Gewalt und Flucht auseinandergesetzt und zusammen mit den Tänzerinnen erarbeitet, wie das, was auch die Flüchtlingswellen jetzt herantreibt, umgesetzt werden kann in Bewegung und Ausdruck.

Um Liebe gehe es, um Hass, überdimensionale Gefühle und Impulse, um Leiden, um den Moment, wo Liebe umschlägt in Gewalt und archaische Kräfte den Menschen zum Tier werden lassen… Wollt ihr heute Abend kommen? fragt er in die Runde. Das Votum ist eindeutig. Es gibt noch Plätze, es wird spannend, hier vorne an der Probenbühne sitzen wir an einer Zündfläche, heute Abend werden Funken sprühen.

Abendvorstellung Pandora

Alle sind sie gekommen. Ein paar haben es nicht mehr geschafft, rechtzeitig am Einlass da zu sein, mit whatsapp funken sie vor den Türen in das Theater... schade.
Wir besetzen zusammen die letzten beiden Reihen. Ich mittendrin. 4 Frauen, in weißen, enganliegenden Gewändern betonen mit wehendem Haar, rhythmischer Präsenz und fließenden Bewegungen mit jedem Schritt ihre Weiblichkeit. Inmitten von 30 überwiegend muslimischen Männer sitzend wird mir sehr bewußt wie wenig ich eigentlich weiß: wie sind ihre Wahrnehmungen, wie ihre Gefühle, können sie erkennen und akzeptieren, wie schön es ist, sich als Frau im eigenen Körper stark, frei und wohl zu fühlen, und dies auch zu zeigen, so wie in den geschmeidigen Bewegungen der Frauen vor uns auf der Bühne, in ihrem aufreizenden, fast provozierend koketten Spiel mit ihrer wehenden Haarpracht, die beständig festgesteckt, gelöst und wiederum neu gebunden wird? Plötzlich ertappe ich mich selbst dabei, wie das Weibliche im Bühnengeschehen sich thematisch in den Vordergrund schiebt. Fassen meine Begleiter diese Vorstellung als Provokation auf? Ich denke an Köln, den verweigerten Händedruck zu Begrüßung , da die Hitze einer weiblichen Hand einen muslemischen Mann zu sehr in Versuchung führen könne... Warum? was weiß ich über ihre Gedanken, ihre Sozialisation, ihre religiösen oder gesellschaftlichen Gepflogenheiten.. Vorn auf der Bühne 4 Frauen. Aus Frankreich, Iran, Japan und Russland .Warum fühle ich mich verantwortlich für das, was hier passiert? Welche Rolle spiele ich hier? Die oft erlebte „Ach härm - ein armer Flüchtling“ –Haltung hilft hier nicht weiter. Hier findet kulturelle Auseinandersetzung auf Augenhöhe statt. Mit gegenseitigen Ansprüchen , Frustrationen, mit Alltagserfahrungen einer toleranten Partnerschaft und mit Möglichkeiten zu Kritik und gezieltem Nachfragen.


Inszenierungsfoto: Marie-Luise Manthei

Und genau da landen wir nach der Vorstellung. Joost hatte uns schon am Mittag zum Treffen an der Bühne nach der Vorstellung eingeladen. Es sprudelt nur so aus ihnen heraus. So viel stecke in dem Stück drin.

Da erfahre ich die Bedeutung von Ashura. Minutenlang klopfen sich in einer Szene die Frauen auf Brust und Schulter. Für mich Ausdruck weiblicher Dominanz und Stärke, jedoch erwecken die anschwellende Intensität, die beklemmende Dominanz der ernsten Gesichter und die dunkle Rhythmik bei meinen Begleitern die Assoziation an das jährlich stattfindende Ashurafest, eine besonders blutige Form der Selbstgeißelung schiitischer Männer in Gedenken an den Tod Hussein Ben Alis. Bei den Sunniten dagegen ist das Ashura- Fest der Ausdruck interkultureller Akzeptanz und Toleranz. Sie sprechen über die farbliche Symbolkraft der Gewänder, schwarz die Farbe der religiösen Führer.
Sie sprechen über den Gefallen, den sie an der Figur des überdimensionalen Teddybären gefunden haben, ja, richtig, ich erinnere mich an das befreite Lachen meiner Begleiter beim Anblick der tapsigen Teddyfigur, die unschuldig zunächst als beliebtes Selfieobjekt im Stück herhalten muss und dann zunehmend zum Ziel von Hass und Gewaltausbrüchen verkommt.


Inszenierungsfoto: Marie-Luise Manthei

Vieles hätten wir alle noch zu sagen gehabt, Garderobenfrauen, Theaterleute, Fotografen und Freunde gesellen sich dazu, es ist wunderbar zu sehen, wie gelöst die Unterhaltung verläuft. Halt! sage ich am Schluß noch schnell, da ist ja noch die Frauenfrage. Wie habt ihr die Frauen wahrgenommen, war es eine Provokation? Meine Frage scheint hier gar nicht so relevant zu sein. Es geht um das Entstehen von Krieg und Gewalt. Ob Männer oder Frauen das darstellen - nein, das sei nicht wichtig.

Nur die iranische Tänzerin war leider nicht dabei, als alle Mitwirkenden im anschließenden Gespräch zu uns an den Bühnenrand kamen. Für sie war es das erste Mal, dass sie vor so vielen Landsleuten getanzt hat, sagte der Choreograph..

Sie musste zum Zug.


Inszenierungsfoto: Marie-Luise Manthei

Mittwoch, 2. März - Die Domschatzkammer

Mit dem ehemaligen Dompropst Helmut Poqué

Wie wir alle um die geheimnisvoll beleuchteten Vitrinen mit den schimmernden Brokatgewändern dort unten im Gewölbe der Domschatzkammer stehen, bricht es aus Habib heraus. In meiner Stadt, erzählt er, graben sie Löcher in die Erde. Das wissen alle, die geflohen sind. Dort legen sie das hinein, was sie bei Plünderungen mitgenommen haben. Und bedecken es mit Erde. Alle unsere Schätze. Die Museen sind ausgeraubt, die Gebäude zerbombt, niedergebrannt. Vieles wird auf verschlungenen Wegen ins benachbarte Ausland gebracht. Es bringt viel Geld. Ja, auch Europäer kaufen gerne. Und Amerikaner.

In der Domschatzkammer

Machtpolitisch und wirtschaftlich stehen große Kunstschätze eben überall auf der Welt im Fokus, auch hier in der Domschatzkammer sichtbar. Welch ein jahrhundertelanges Ringen um die Kontrolle der Heiligtümer in der Stadt: Helmut Poqué, unser heutiger Führer durch die Domschatzkammer und bis vor 2 Jahren als Dompropst Chef von 100 Mitarbeitern und Verwalter aller irdischen Güter des Domkapitels, schildert eindringlich die sorgsam gehütete Tradition der gemeinsamen Bewachung der wichtigsten Reliquien des Domschatzes durch Kirche und Staat: Symbolisch wird der Schlüssel zum Aufbewahrungsschrein am Ende der Heiligtumsfahrt geteilt, der Schlüsselgriff dem Domkapitel, der Bart der Stadt.

Versuche mir jetzt vorzustellen, wieviele Schätze uns hier wohl in Aachen verlorengegangen sind in den Jahrhunderten. Was wir nicht mehr sehen, was den Bränden, den Kriegen, den Plünderungen zu Opfer gefallen ist.

Immer wieder werden Emad und ich auf unseren Führungen mit Schilderungen der Teilnehmer konfrontiert, wie sie selbst den Verlust ihrer Kunst wahrnehmen.. So schickt mir Mohamed mit sichtlicher emotionaler Beteiligung das Video der terroristischen Zerstörung der Buddhastatuen im afghanischen Bamiyantal aufs Handy. Lange bleiben wir gemeinsam am Proserpinasarg stehen, lauschen der Geschichte aus der griechischen Mythologie und damit dem Sinnbild des ewig menschlichen Bestrebens, mit Zeugnissen aus dem Leben der Nachwelt erhalten zu bleiben.

Deutsch-englisch, englisch- farsi, deutsch-arabisch, wir Übersetzer haben alle Hände voll zu tun, um die Fülle der Information von Helmut Poqué weiterzugeben. Vorbei an den goldschimmernden sprechenden Reliquiaren, der Karlsbüste, unserem heutigen Selfie- Star, und dem über 1000 Jahre alten Lotharkreuz, das trotz des unschätzbaren Wertes immer noch zu hohen Kirchenfesten im Dom getragen wird. Und so freuen wir uns, dass auch die freundlichen Mitarbeiter der sonst eher stummen Museumsaufsicht nach Kräften helfen, die vielen interessierten Fragen der Teilnehmer zu beantworten.

Unten im Gewölbe der Schatzkammer senken wir alle unsere Köpfe und versuchen, die delikaten Strukturen der kostbaren Gewänder zu erkennen, die unvorstellbar fein vor hunderten Jahren eingewoben worden in die Nadelmalerei des Goldbrokats. Und suchen bei aller Bewunderung für die Perfektion gerade die Fehlstellen, die Goldfäden, die entfernt wurden, um nach den napoleonischen Kriegen Geld in die notorisch leeren Säckel der Stiftskasse zu spülen. Was nicht der große Stadtbrand Aachens von 1656, Kriege und Plünderungen hinweggerafft hatten, wurde noch im 19.Jahrhundert zerschnitten, zerstückelt und nach ganz Europa verkauft. So werden die alten liturgischen Gewänder stumme Leidensgenossen der für immer verschwunden Kunstwerke aus den Kriegsgebieten der Neuzeit. Vielleicht macht gerade die textile Vergänglichkeit die Mäntel und Tuche zu den wertvollsten Exponaten im Aachener Domschatz.

Durch die beeindruckend starke, mehrschichtige Stahltür verlassen wir nach anderthalb Stunden mit Helmut Poqué die Domschatzkammer. Beklemmend der Gedanke, dass auch uns die apokalyptischen Zustände eines Krieges einmal ereilen könnten.

In der Stadt

Draußen angekommen, genießen wir die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings. Es ist schön zu sehen, wie die Teilnehmer der Spaziergänge sich zunehmend vernetzen. Auf 30 Personen sind wir jetzt am Ende der Führung angewachsen, unterwegs hatten sich noch drei Nachzügler zu uns gesellt. Die Nachricht von der Führung hatte sich schon ohne unser aktives Zutun verbreitet. Sie kommen aus der Stettiner Straße, der Franzstraße, dem Bushof, Drimborn, der Körnerkaserne und auch den ersten eigenen Wohnungen. Und heute ist auch Hilal zum ersten Mal dabei, die junge Doktorandin der Hans- Böckler- Stiftung, die mit ihren Freunden einen großen Fundus von Ideen und spannenden Zielen entwickelt hat. Wir freuen uns schon auf den einen oder anderen gemeinsamen Ausflug. Der spontanen Einladung des gesamten Teams der Barockfabrik, nach der intensiven Schatzkammerführung noch auf einen Tee vorbeizukommen, folgen wir gern. In einer breiten Phalanx laufen wir fröhlich in der frühlingshaften Sonne die Annastrasse hinunter. Tee, Mandarinen, Saft und Rosinen, die für uns in den offenen Atelierräumen der Barockfabrik bereitstehen, sind schnell verputzt. Eine kleine Bibliothek mit deutschen Kinderbuchklassikern in arabischer Sprache, Theater für Kinder mit vorbereitenden Übersetzungen, an jedem Samstag ein offenes Atelier für alle Interessierten : Ibrahim Alawad, ehemaliger Lehrstuhlinhaber an der Universität Damaskus und vor 2 Jahren selbst aus Syrien geflüchtet, wird ab dem 12.3. in die traditionellen syrischen Techniken der Malerei, Skulptur und Kalligraphie einführen. Welch ein Kleinod der Aachener Kunstszene mit hellen, gastlichen Räumen haben wir da jetzt für uns entdeckt! Und vielen Dank an Herrn Helmut Poqué für die spontane und engagierte Zusage, uns die Türen zu Aachens größtem Schatz zu öffnen. Wir werden weiter berichten.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath) und Emad (Emad Mathbout, Aachen)

Freitag, 12. Februar - Die Stadtbibliothek

Schon mein vorbereitender Anruf mit der Bitte um eine Führung für Zuwanderer machte großem Appetit auf die Stadtbibliothek. Mit Frau Monika Gottwald , Diplom- Bibliothekarin, war ich offensichtlich direkt im Epizentrum der Bemühungen um ein zielgruppenorientiertes Integrationsangebot für Migranten gelandet. Wir drei BegleiterInnen, Angelika Backes, Mohamed Ahmed als Übersetzer und ich hatten in unserer Jugendzeit oftmals eine Bibliothek als etwas drögen Ort der Buchausleihe kennengelernt, aber was mir dort am Telefon an Ideen und Initiativen entgegen sprudelte, war höchst beeindruckend. Die Stadtbibliothek ist die kulturelle Einrichtung in Aachen mit den höchsten Besucherzahlen. Breitgefächert ist das multimediale Angebot so wie auch die Ansprüche der Besuchergruppen, die nicht erst seit letztem Jahr auch die Migranten und Asylsuchenden aus aller Herren Ländern einschließen.
Wer hätte gedacht, dass wir am Ende zwei Stunden atemlos der Führung gefolgt sind und gar nicht gemerkt haben, wie schnell die Zeit vergangen ist?

Niedrigschwellig soll der Zugang zu Büchern, CDs, Filme, Onlinekursen, Medienausleihe und zur Musikliteratur sein. Hell und freundlich präsentieren sich die Räume, auf jeder der vier Etagen sind Arbeitsplätze eingerichtet, an denen entweder die Recherche zu vorhandenen Büchern und Medien oder auch der für eine Stunde kostenlose Zugang zum Internet oder die kostenlose Nutzung des hauseigenen WLAN erfolgen kann. Der Weg zum eigenen Büchereiausweis ist gar nicht so kompliziert:
es reicht ein Meldepapier mit Lichtbild, aus dem Namen, Geburtstag und derzeitiger Wohnort hervorgehen, und der ganze Spaß kostet nur 2 Euro fünfzig fürs Jahr.
Und außerdem macht es Freude, sich in diesen Räumen aufzuhalten, offen und doch geschützt, konzentriert zu lesen oder zu lernen oder sich einfach nur treiben zu lassen von der eigenen Neugier. Und sollte die Suche nach Medien einmal nicht erfolgreich sein, stehen auf jeder Etage freundliche Mitarbeiter zur Auskunft bereit.

In der Zeitschriftenabteilung machten wir den ersten ausgiebigen Stop. Was gibt es da nicht alles zu sehen! Eine Teilnehmerin, von Beruf Kosmetikerin, blieb gleich vor den Modezeitschriften stehen, alles, was das Modebewusstsein energetisiert ist dort versammelt.. Und Autozeitschriften- die funktionieren immer. Interkulturell und sprachunabhängig. Maziar aus dem Iran, Computerspezialist, vermisst seit seiner Flucht den täglichen Umgang mit der Hard- und Software. Und steuert gleich auf das Regal mit einschlägiger Fachliteratur zu. Für die vielen englischsprachigen Zuwanderer ist die Abteilung mit Tageszeitungen aus der ganzen Welt das Tor zur Tagespolitik, nicht nur aus westlicher Sicht. Weiter zur Kinder- und Jugendliteratur. Für Flüchtlingsfamilien ein wunderbarer Ort, um einen verregneten Tag mit der bunten Farben- und Geschichtenwelt der Kinderliteratur , in einfacher Sprache, aufzumuntern. Und da erzählt Frau Janssen vom Projekt Dialog in Deutsch. Ab April können Zuwanderer ihre Deutschkenntnisse unter Leitung und Moderation von Ehrenamtlern im lockeren Gespräch anwenden und trainieren. Es werden noch Ehrenamtler gesucht, die in Kooperation mit den Bücherhallen in Hamburg sorgfältig auf ihr Engagement vorbereitet und regelmäßig weitergeschult werden. Wie schön wäre es, nicht nur Erwachsene sondern demnächst Gruppen von Kindern aus allen Ländern im lockeren Gespräch hier regelmäßig in der Bibliothek anzutreffen, behutsam und liebevoll angeleitet von geschulten Ehrenamtlern! Welch eine Chance auch für Öcher Kinder, sich diesen Gruppen anzuschließen und so en passant fernab von jedem curriculären Zwang etwas von der Welt und den neuen Freunden zu erfahren!
Bevor wir alle zu sehr ins Schwärmen geraten, mahnt Frau Janssen zur Fortsetzung unseres Spaziergangs.

In der Bibliothek

Da ist die große Abteilung der Bildbände zu Naturwissenschaften, Technik, aber auch Geographie und nicht zuletzt über unsere Heimatstadt. Hier lohnt sich das Verweilen und Blättern, und die Deutschkenntnisse werden bald ausreichen, auch die dazugehörenden Texte zu studieren. Und Medizinbücher seien doch auch dabei, fragt Sudat, der jesidische Zahnarzt aus dem Irak. Die englischsprachigen seien allerdings in der Zentralbibliothek der RWTH zu finden, zu der im übrigen auch jeder Öcher und noch nicht-ganz-Öcher Zugang hat, auch ohne dass er als Student eingeschrieben ist...
Und dann kommen wir zu Frau Janssen Speziallabteilung. Als Lektorin für den Bereich Deutsch als Fremdsprache hat sie einen beeindruckenden Bestand an Lehrbüchern für Deutsch als Fremdsprache aufgebaut. Das besondere ist, dass Deutsch in den Grammatikbüchern, Lehr- und Lösungsheften, Wörterbüchern , Medienkombinationen und Sprachführern hier in der jeweiligen Muttersprache erklärt wird, für Albaner, Araber, Franzosen, Griechen, Iraner, Italiener, Kurden, Polen, Rumänen, Russen, Spanier, Syrer, Türken und Englischsprechende. Dazu gibt es eine umfangreiche Literaturliste. Die iranische Studentin freut sich sehr über diese Entdeckung: Endlich ! Der Einstieg in die Sprache fiele ihr dann doch viel leichter. Fast hätten wir sie verloren, sie wollte sich gleich am Leseplatz in in ein Lehrbuch vertiefen. Alle diese Bücher seien auszuleihen, und weil die Nachfrage hoch ist, ist vieles oft unterwegs. Kein Sorge, man kann die Bücher vorbestellen. Und vielleicht, ja vielleicht, gibt es bald noch eine Bestandsaufstockung...

Weiter geht es zur Abteilung der Romane. Easy Reading- verständliche Sprache, ein unscheinbares Regal mit alles Schätzen der Weltliteratur und auch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in verständlicher Sprache und einladend schmalen Buchrücken, gerade gut für Sprachanfänger. Agatha Christie und die Kinder vom Bahnhof Zoo fallen mir gerade auf, und Tschick, und Anne Franks Tagebuch. Angelika, Mohamed und ich werfen uns die Bälle zu und fangen an zu erzählen, wer war Anne Frank, ihre Spuren in Aachen, ihre Tagebücher, ihr Schicksal, wir Begleiter sind so flugs zum Geschichtenerzähler geworden, die Teilnehmer fragen, wir reden, ach, hätten wir nur mehr Zeit, wir würden hier mit der Gruppe steckenbleiben und uns festquatschen, Mahnaz wollte schon gleich ausleihen...

Genauso ergeht es uns in der persischen Ecke, ein kleines Regal voller persischer Literatur. Und jetzt sind unsere Freunde dran. Begeistert greifen sie zu einer Reihe roter Bände, wohl ein Schatz der persischen Lyrik, dem persischen Nationalepos schlechthin, allen hier Anwesenden gut bekannt. Und jetzt erzählen sie: Firdausi war ein persischer Dichter, in seiner Bedeutung und dem Umfang seiner Schriften für die iranische Geistesgeschichte vielleicht mit einem frühen Goethe zu vergleichen.... und flugs sind wir Begleiter in einer fremden, geheimnisvollen Welt, wollen wir mehr wissen...
Liebevoll und mit glänzenden Augen nehmen unsere farsisprechenden Freunde die Bände mit den persischen Schriftzeichen aus dem Regal. Eine Herausforderung für jeden Bibliothekar, zwinkert uns Frau Janssen zu, diese Bände zu katalogisieren! Es ist nur ein kleiner Bestand, wie schön wäre es, wenn sich die neuen Gäste hier in Aachen mit ihrer Kultur wiederfänden, für Aachen ein weiteres Beispiel der Gastfreundschaft und ein Impuls für interkulturelle Gespräche. Ich jedenfalls werde meinen iranischen Freund und Kollegen gleich am Montag fragen, ob er von seiner nächsten Reise nach Teheran zu seiner alten Mutter nicht einmal ein paar Bände mitbringen kann...

Weiter gehts in die Medienabteilung. Dort gibt es Noten, Filme, einige auch in den Sprachen der hier Anwesenden - und dann ins Musikzimmer, das auf Vorbestellung kostenlos benutzt werden kann, es gibt ein Zimmer mit Flügel und ein Zimmer mit Klavier. Hier entdecken wir übrigens das zweite Leben des Computerspezialisten. Er ist begnadeter Sänger und Keyboarder und lässt für uns eine kleine Kostprobe erklingen. Unsere Entdeckung laden wir gleich auf ein Get-Together unter der Auferstehungskirche am selben Abend ein. Ein voller Erfolg!
Vielen herzlichen Dank an Frau Janssen für die engagierte Führung und die freundliche Aufnahme unserer Gäste. Ein großer Dank geht wieder an den Kulturbetrieb und Herrn Sawallich als Leiter der Bibliothek und "Türöffner" für unsere heutige Führung. Frau Monika Gottwald und ihr Team leisten Großartiges für den Aufbau eines umfassenden Bestandes für die Belange der Zuwanderer, aber auch im Rahmen der täglichen Arbeit und freundlichen Betreuung der vielen ausländischen Besucher.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 10. Februar - Die Firma Deubner

Im strömenden Regen fahren wir heute mit der ASEAG zum Firmensitz der Firma Deubner im Gewerbegebiet Hüls. Axel Deubner, der Seniorchef, hatte persönlich in den Betrieb eingeladen, einer seit 67 Jahren bestehenden Firma für den Kauf, den Verleih und den Reparaturservice für Baumaschinen . Als stadtbekannter Mäzen unterstützt er viele kleine und große Projekte aus dem sozialen Leben in Aachen und lebt seine weltoffenen Prinzipien auch in seinem eigenen Betrieb. Diese Völkerwanderung, wie er die Flüchtlingswelle nennt, sei doch eigentlich eine Riesenchance für uns alle, wenn wir es richtig anpacken. Und dann erzählt er von seinen vielfältigen Kontakten in der Aachener Wirtschaftswelt, allen voran zur Industrie- in Handelskammer, die sich in vielsprechender Intensität den neuen Herausforderungen stellt und für interessierte Betriebe schon eine Menge Tools zur beruflichen Integration von Migranten bereitstellt. 11 Nationen hat die Firma Deubner, die von Sohn Rolf weitergeführt wird , in ihrer Belegschaft versammelt, von Togo im Westen Afrikas bis nach Vietnam. Unternehmer durch und durch, hält er seine Prinzipien nicht hinter dem Berg. Alle Religionen und Ethnien sind gleichberechtigt, da gibt es keine Ausnahmen, egal ob Muslime, Hindus, Christen oder Yesiden, und gefördert wird eben jeder mit Biss und Fleiß. Rosinen habe er im Kopf, seine Ideen und Gedanken seien stets in Bewegung, so erläutert er das Gemälde im großen Mitarbeiterraum, das ihm ein Künstlerfreund gewidmet hat, Schließlich müsse man querdenken als Firmenchef, neue Wege gehen, aber stets die Richtung im Auge behalten. So geht es in engagierter Runde bei Apfelsaft und Gebäck zunächst um das, was die Anwesenden mitbringen, ihre Herkunft, ihre Vielfalt der Glaubensrichtungen , Kompetenzen und Interessen. Und dann erzählt er von seinem Vater und wie er den Betrieb aufgebaut hat: Nach dem Krieg, als Aachen in Schutt und Asche lag, habe er einen Steinbrecher gekauft, mit dem aus dem Bauschutt der Ruinen neues Material für Straßen und den Hausbau hergestellt werden konnte. Das Geheimrezept für den Nachkriegserfolg: : ein Mix aus Marschallplan , dem zupackenden Geist der Trümmerfrauen und frühen Mitarbeiter, Unternehmerinitiative und vor allem auch dem Mut zu Improvisation. Parallelen zur Szenerie der vom Krieg zerstörten Landschaften in den Ursprungsländern der Migranten sind schnell gezogen. Immer sei es dabei in seiner Familie wichtig gewesen, dass auch die Frauen mitanpackten. Die andere Hälfte des Himmels eben…

Bagger fahren

Zwei junge Migranten hat Axel Deubner vor rund einem halben Jahr eingestellt für ein Training on the Job. Sennay aus Eritrea ist wie sein Kollege Yassim aus Algerien seit seit 6 Monaten bei der Fima Deubner beschäftigt. Morgens lernen beide deutsch, nachmittags haben sie eine Halbtagsstelle und helfen geschickt und wissbegierig in der Werkstatt, eine ideale Kombination um sprachlich schnell fit zu werden. Überall im Betrieb sind die beiden beliebt und werden gerne auch nach Dienst freundschaftlich aufgenommen. Die beiden begleiten uns heute wie selbstverständlich auf unserem Spaziergang durch die Werkhallen und erzählen in kleinen Gruppen, wie das Arbeitsleben in Deutschland so läuft. Es ist also zu schaffen – ich kann diesen Hoffnungsgedanken förmlich sehen, wenn ich in die Gesichter der jungen Teilnehmer schaue.

Wir gehen weiter durch das Betriebsgelände. Stolz zeigt Axel Deubner uns seine umfangreiche Sammlung historischer Werkzeuge und Maschinen. Was für uns hier und heute in Form, Materialwahl und schimmernder Oberflächentextur Sinnbild für die vergangene angewandte Ästhetik ist, trifft immer noch die aktuelle Lebenssituation einiger Teilnehmer in ihren Herkunftsländern. Sie erklären mir wie selbstverständlich die Arbeitsweise der Stanzen, Pressen und Mühlen. Andere wiederum haben bereits spezialisiert in Buchbinderbetrieben, im metallverarbeitenden Gewerbe und in Schneidereien gearbeitet und atmen tief den wohlbekannten Geruch nach Schmierfett und Maschinenöl ein. Ja, sie vermissen ihre Arbeit sehr. Hier im Gewerbegebiet Hüls, da fühlen sie sich schnell heimisch.

Und so geht es zum Schluss in die Werkzeughalle.
Der Mensch ist nur da ganz Mensch wo er spielt! Axel Deubner mit seinem feinen Gespür, wie er die Menschen begeistern kann, bittet seinen Mitarbeiter bei immer noch strömendem Regen einen Kleinbagger in die Werkhalle zu fahren. Hier in der Werkzeughalle klettert Sennay gleich auf den Fahrersitz und zeigt uns stolz und gekonnt, was er gelernt hat. Vor den bewundernden Augen unserer Gruppe führt er sein elegantes Solo vor, mit filigraner dreidimensionaler Motorik, an einer Batterie von Joysticks und Hebeln, lässt er den Baggerarm tanzen und die Schaufel swingen, das fasziniert uns alle. Klar, dass viele das auch ausprobieren wollen, frei nach Schiller spielen eben... Na, ruft Axel Deubner uns übermütig zu, jetzt kommen wir heute Nachmittag nicht mehr nach Hause! Bewundernde Zurufe von uns allen bei jedem geglückten Manöver lassen die Gesichter der Nachwuchsbaggerführer strahlen, und zum Schuss muss ich als einzige Frau in der Runde auf den Bagger, das war doch klar! Klar ist aber auch: Frau kann das genauso gut, und mehr noch: Baggerfahren macht einen Riesenspaß!

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 3. Februar - Irgendetwas war passiert...

Nachdem sich bei unserem Besuch in der Turnhalle am Vorabend noch 35 Bewohner innerhalb von 3 Minuten für unseren Ausflug eingetragen hatten, so dass wir die Liste frühzeitig schließen mussten, waren es am Mittwochmittag dann nur noch 15, die tatsächlich mitkommen wollten. Diesmal hatte Michael Schmitz-Aufterbeck, Generalintendant des Aachener Stadttheaters, eingeladen. Wegen der Proben zur Tannhäuserpremiere im Großen Haus ging die Reise in die Theaterwerkstatt. Aber was war passiert von Dienstagabend auf Mittwochmittag? Warum hockten so viele müde und lustlos auf ihren Stockbetten? Einige zeigten mir ein frisches Schreiben der Stadt, dass Unterlagen fehlten, um einen Antrag zur Sprachförderung zu stellen. Das wollten sie am Mittwochmittag in Verwaltungsgebäude tun, um am Donnerstag morgen für den nächsten Termin vorbereitet zu sein. Es herrschte eine niedergeschlagene Stimmung, ja, sie haben die neuesten Nachrichten zur Flüchtlingspolitik wie immer in ihren Handys verfolgt. Ich kam mir mit meinem Ausflugsangebot zur Theaterwerkstatt ein wenig fehl am Platze vor. Es schleichen sich in der Vorbereitung der Ausflüge immer wieder Zweifel ein, ob wir wirklich zusammen kommen, die Flüchtlinge und wir, wenn wir nicht noch mehr MITeinander reden, uns austauschen, und gegenseitig einbeziehen in den spannenden Prozess, der hier gerade inmitten unserer Gesellschaft passiert. Mir fällt noch nicht so richtig ein, wie.

Lukas Popovic, Aachener Chefdramaturg, führte uns diesmal engagiert und mit vielen Hintergrundinformationen durch die Werkstätten im Mörgens, da wo all der Zauber der Bühne entsteht. “the making of” Wagners Sängertribünen, dem Liebesbalkon aus Romeo und Julia, den Ghettofassaden der Westsidestory. Was wenn ich noch nie im Theater gewesen wäre, mich noch nie hätte verzaubern lassen können von der einzigartigen Atmosphäre, dem Lichtspektakel, dem Trompe d´oeil der großformatigen Bühnenlandschaften? Wie würde ich jetzt durch die profanen Werkstätten laufen, und wie fühlen sich heute die Turnhallenbewohner?

Wie eine Produktion entsteht, eine von 23 pro Saison, das ist in erster Linie Teamarbeit, erklärt Popovic. Die vielen, vielen Schritte von der Skizze zum fertigen Kostüm oder zum Bühnenbild werden in den verwinkelten Räumlichkeiten in der Mörgensstraße umgesetzt. Wie wird das düstere Oliv-dunkelblaugrau so angemischt, dass die Farbe genau der Vorlage entspricht, oder wie beurteilt der Dramaturg, ob die Kulisse stimmt, die da riesengroß und sperrig auf dem Boden fertig angestrichen liegt? Ganz einfach, er klettert auf das Gerüst und guckt von oben. Ja, und wie kommt das Ganze zum Stadttheater? Die Türen hier in der ehemaligen Textilfabrik sind doch alle viel zu klein, fragen sie. Ja, ganz einfach, durch ein Loch im Boden geht es runter zum Ausgang... und dann auf den Lastwagen.

Welch ein Privileg für uns Begleiter, von der Erfahrung des Theaterzaubers nun in die Geheimnisse seiner Entstehung eingeweiht zu werden. Wollen unsere Besucher in ihre Situation diese Entzauberung überhaupt nachvollziehen? Sie vergleichen eher die Größe der Nähmaschinen mit den Nähmaschinen in ihren Straßenwerkstätten, Styropor in den plastischen Werkstätten ist eben Styropor und nicht Grundstoff der düsteren Mauern im Tannhäuser, und der Theaterfundus mit den herrlichen Brokatstoffen, den glitzernden Kostümen der historischen Inszenierungen ist sorgfältig organisiert wie die Kammer für gebrauchte Kleidung in der Kaserne, die ein Teilnehmer im Team mit seinen Kollegen jetzt selbstverantwortlich sortiert.

In der Theaterwerkstatt

Ja, welch ein Umsatz macht das Theater? Werden die Ausgaben von den Einnahmen gedeckt? Ein Teilnehmer hat in Afghanistan die ersten Semester Betriebswirtschaft studiert. Popovic greift das Thema gerne auf: Ja, das Modell Stadttheater, da schwärmt er vom kulturpolitischen Auftrag, erzählt vom Theater, das auch junge, unbekannte Autoren aus der ganzen Welt spielt, ja, auch viele ehemalige Migranten, und Produktionen auf die Bühne bringt, die nicht nur Gewinn machen, sondern neue Fragen stellen und auch neue Antworten geben können...

Ja, auch Flüchtlingstheater kann das sein. Theater über Flüchtlinge, mit Flüchtlingen, von Flüchtlingen, und irgendwann vielleicht eine deutsch-irakisch-iranische-syrisch-afghanische Coproduktion. Im Team eben. Unsere Multikultibesucher, die sich mittlerweile zu einer gut funktionierenden Turnhallengemeinschaft zusammengefunden haben, kommen ins Schwärmen. We would looove to put something on stage...

Eins haben wir Spaziergänger schon gemerkt. Let us have a tea together ist mittlerweile ein unverzichtbarer Programmbestandteil am Schluss jeden Ausflugs. Diesmal saßen wir zusammen bis weit nach 18:00 Uhr im 'Last Exit'. Mohammed, selbst Öcher, Künstler und syrischer Ex-Flüchtling, erzählte jungen Syrern von seiner fünfjährigen Wartezeit auf die Arbeitserlaubnis und wie er es jetzt geschafft hat. Emad und ich waren mittendrin im Geschehen, hörten was alle bedrückt, welche Hoffnungen und Visionen es gibt, Heimweh und auch Stolz, es so weit geschafft zu haben. Es ist irgendwie wie eine große Haddsch, fiel mir noch ein. Aber eine aus traurigem Anlass. Ich bin dann mal weg...

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Freitag, 29. Januar - Oche Allaf

Karneval steht vor der Tür! Die närrischen Tage sind schon erklärungsbedürftig, haben wir uns gedacht. Und auch die Fragen im Bus zeigen es. Martin Obrikat, der rührige evangelische Pfarrer mit 1000 anderen Einsatzgebieten in der Hilfe für unsere Neuen Nachbarn, hat ein Get-Together in den Räumen unter der Auferstehungskirche vorbereitet. Ein Flyer in arabisch, deutsch und englisch erklärt in Grundzügen, was eigentlich nicht erklärt werden kann - man muss es einfach erleben und mitmachen. Bützchen und Kamelle, Pappnasen und abgeschnittene Krawatten, Schunkeln und Oche Allaaf, unsere begnadeten Übersetzer (Arif spricht zum Beispiel gleichzeitig akzentfrei Urdu, Hindi, Pashtu, Farsi, Arabisch und Englisch) kamen ganz schön ins Schwitzen. Unsere neuen Nachbarn kontern unsere geschunkelten deutschen Lieder mit ihren arabischen Hochzeitstänzen. Cajontrommeln, Gitarren, eine Flöte und ein Klavier sorgten für ausgelassene Stimmung. Wir suchen dringend eine Oud, eine arabische Laute. Ahmed, ein talentierter Spieler, bekam glänzende Augen beim Gedanken daran. Er vermisst sein geliebtes Instrument so sehr und würde gerne für uns alle zusammen aufspielen.

Bitterer Schluss unseres kleinen Festes:
Die meisten wollen an Karneval in den Unterkünften bleiben. Sie haben große Angst.
Köln ist für uns alle hier und überall eine furchtbare Erfahrung.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 27. Januar - Stadtspaziergang

Aus den 22, die sich bei unserem "Vorbereitungsbesuch" in der Turnhalle am Dienstag Abend in die Liste eingetragen hatten, sind nun 30 geworden. Ich konnte einfach nicht nein sagen, wir schaffen auch das.

Warten auf den Bus

Am Elisenbrunnen wurden wir freundlich von Dr. Manfred Birmans empfangen. Auch Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs, war wieder extra gekommen, eigentlich nur zur Begrüßung... trotz seines vollen Terminkalenders geht er die ganze Runde mit.
Alles klar. Aus einer Gruppe machen wir eben zwei.

Elisenbrunnen

Liebenswürdig und verschmitzt, so kennen wir Manfred Birmans. Vor allem die Uröcher schätzen ihn als vielbeschäftigten Vorständler des Aachener Mundartvereins mit über 1000 Mitgliedern im In- und Ausland. Er ist Initiator der legendären, stets ausgebuchten Öcher–Platt-Führung durch die Karlsausstellung. Der Ex-Schulleiter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums weiß, wie er unsere Gruppe begeistert und anpackt! Da hallt auch schon mal ein lauter und freundlich gemeinter Pfiff über den Katschhof, um die versprengten Handyfotografen wieder zu sammeln. Emad übersetzt seine Ameröllchen zur Aachener Stadtgeschichte heute direkt vom Öcher Platt ins Arabische, und am Brunnen, der verspielt-ironisch den Kreislauf des Geldes nicht nur in deutschen Landen aufs Korn nimmt, erklärte uns Hasan den Unterschied zwischen Bakschisch und Rashawa, das sei eben wie Handaufhalten vornerum und hintenrum...

Stippvisite in Dom und Rathaus - viel zu kurz war die Zeit. Diese Appetithäppchen zur Aachener Kulturlandschaft machen einfach Lust auf mehr und zeigen uns, wo wir andocken können mit unseren weiteren Ideen und Vorschlägen. Im Karman war gerade Einschreibetag der Hochschule mit vielen Ständen und Postern. Es gibt großen Informationsbedarf, viele würden ja zu gerne hier studieren.
Wir bleiben dran...

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 20. Januar - Ludwig Forum

Und immer wieder ist es ein Abenteuer, auf Entdeckungsreise zu gehen durch Aachen mit den vielen Neuangekommenen.

Die Turnhalle Drimborn mit 75 Menschen wurde letzte Woche geräumt. Die Bewohner wurden in die ehemalige Hauptschule Franzstraße gebracht. die Klassenräume dort mit bis zu 8 Bewohnern belegt. Endlich konnten sie wieder schlafen, berichteten sie mir bei meinem Besuch in der Franzstraße.
75 Menschen in einer Turnhalle, da gibt es keine Nachtruhe, keine Ruhe zum Lernen, kaum Rückzugsmöglichkeiten.

Schade, jetzt werde ich sie aus den Augen verlieren, ihre Gesichter, ihre Geschichten. Aber es ist schön, noch sind sie hier, ab und zu sehe ich einige von ihnen im Stadtbild, wir grüßen uns freundlich.

Die Neuen jetzt in der Turnhalle sind erst seit wenigen Wochen in Deutschland. Sie kamen vor wenigen Tagen aus Rheda-Wiedenbrück, Herford oder Gelsenkirchen, hatten dort schon leichte Anker geworfen, im Fußballverein oder beim Winterlauf mit der Sportgruppe.
Was machen wir, Emad und ich, nur mit ihnen, so kurz nach der Ankunft in Deutschland, im Ludwig Forum, Aachens Museum für Moderne Kunst. Der Termin war ja weit vor dem Umzug schon vereinbart worden. Der Leiter des Kulturbetriebes, Olaf Müller, hatte für uns wieder die Türen geöffnet. Herr Jaiter von der Museumsleitung und Frau Simon-Tönges sind schon vorbereitet und wollen uns gerne empfangen. Also wieder ein Sprung ins kalte Wasser. Sollten wir uns nicht erst einmal konzentrieren auf die notwendige Erstversorgung mit Sprachkursen und Behördengängen? Haben sie nicht andere Probleme als ein Museum für Moderne Kunst, Richter, Warhol und Ai Weiwei?

Im Ludwig-Forum

Die Antwort geben sie selbst, als Emad und ich gestern in der Turnhalle aufkreuzen, um unseren Plan bekanntzugeben. In drei Minuten war ein Blatt Papier besorgt , die halbe Turnhallenbesetzung stellt sich wie einstudiert spontan in eine Reihe , und als die 25 Plätze auf der Liste vergeben waren, half nur meine Ankündigung der nächsten Mittwochsführung über die traurigen Gesichter hinweg. Mohamed und Khalid und Feta, Hasan, Azar, Ismail, viele mussten auf nächste Woche vertröstet werden. Sie sind ausgehungert nach der langen Flucht, freuen sich darauf, einfach nur etwas Schönes zu sehen. Sind wir hier in Aachen nicht sogar die erste Stadt, die sie auf diese Weise kennenlernen? Es ist ein Willkommensgruß, der haften bleibt, wie eine süße Aachener Printe.

Mit der Aseag also von Drimborn zum Ludwig Forum, in die Kaffeebar. Let’s have a cup of tea together, das ist die englische Version der oft gehörten arabischen Einladung, sich unter Freunden zusammenzusetzen und bei einer Tasse Tee zu plaudern. Wo sind wir hier? Von der Schirmfabrik erzählt unsere Museumsführerin, von den 1000 Arbeitern, die hier Schirme hergestellt haben, daher die großen herrlich hellen Hallen. Von Peter und Irene Ludwig, die die richtige Nase hatten für das, was tief in der Seele sitzt, was uns berührt, was mit wenigen Pinselstrichen, Formen und Farben ausdrückt, was wir alle verstehen,. Und wie die beiden die Maler, Bildhauer und Filmemacher auf der ganzen Welt entdeckten, die diese Stimmungen eines Volkes, einer Zeit, einer Landschaft, einfangen können mit ihrer Kunst. Wie die Verfolgten ihre Hoffnung, ihre Verzweiflung, ihren Protest ausdrücken, wie auch sie fliehen mussten , wegen der Pinselstriche, die doch so viel Macht haben können und die wir jetzt gleich hier sehen können . Und sie erzählt, wie Peter und Irene Ludwig kauften, kauften, kauften, ja, auch davon träumen viele nicht nur hier, ein Vermögen zu machen, mit der richtigen Nase halt...
Meine Bedenken, unsere Gruppe mit einer Führung durch moderne Kunst nicht erreichen zu können, sind verflogen. Sie rücken uns nah und stehen dicht gedrängt um uns im Kreis,wollen wissen, verstehen, was ist das für ein Museum.
Und dann gehen wir hinein. In die helle Heiligkeit. Ja, stimmt, es ist alles Kunst hier, auch das, was aussieht wie zufällig stehengelassen, wie Abfall oder Sperrmüll, bitte nichts berühren,..
Zu Marilyn Monroe gehen wir. Aber wer bitte schön ist Marilyn Monroe? In den Hochgebirgstälern Afghanistans hat sie wohl eher eine untergeordnete Rolle gespielt, und entspricht sie mit ihrer künstlich-blonden, drallen, plakativen Weiblichkeit überhaupt irakischen oder pakistanischen Schönheitsidealen? Sie hat sich ja nicht einmal selbst gefallen.

Im Ludwig-Forum

Und Chuck Close, der auf geniale Art den für unsere Wahrnehmung unsympathischsten Ausdruck auf das riesenhafte Porträt seines Künstlerfreundes Richard gezaubert hat, mit Stoppelbart, provozierend halb geöffnetem Mund, narbigem Gesicht und Lederjacke, nein, das wird anders gesehen. Er ist auch ein Verfolgter, er hat es schwer im Leben, er ist auch arm, er ist wie einer von uns. Nein, das ist kein Bösewicht. Ganz nah gehen sie ran, machen mit wie in einer Schulklasse, freuen sich, wenn sie entdecken, dass tatsächlich seine Augen so bestechend wirken, weil der Künstler nur die Augen so scharf gezeichnet hat, staunen, wie trickreich seine Technik ist, wie ein Künstler besser treffen kann als jede Kamera...
Ich beneide Emad, der wieder mitten drin ist, übersetzt, sie erzählen viel, fragen, lachen, ich möchte so gerne mehr verstehen. Und es ist schön zu sehen, wie der marokkanische Museumswärter mit ihnen plaudert. Sie verstehen sich, er ist wie ein freundlicher Anker in einer fremden Welt, leistet so wichtige Dienste hier, Er erzählt ihnen, wie er es geschafft hat, immerhin von der Müllverbrennungsanlage zum Ludwig Forum, einem Job, den er sehr gerne macht. Die sind klasse, sagt er zu den Gästen. Wir geben uns zum Schluss lange die Hand. Aachen ist bunt. Nicht erst seit Merkel...

Wie wird die amerikanische Supermarket Lady auf sie wirken, was sagt sie ihnen? Ganz einfach. sie schicken den randvoll gefüllten Einkaufswagen mit Fastfoodpackungen, Coladosen und Tiefkühlpizza mit ihren Handys in die ausgebombten Siedlungen Syriens, in die eisigen Ruinen in Afghanistan, in die eintönigen Zeltstädte im Libanon. Und auch ich sehe jetzt erstmals genau hin, sehe auf den Hinweis der Führerin den toten Blick der Lady, das aufgedunsene Gesicht , die blauen Flecken auf ihrer Haut, Spuren von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, direkt hinter der prallen Konsumfassade.

Und dann auf zu Jeff Koons, er und seine Cicciolina –in eindeutiger Pose, Made in Heaven- mussten natürlich dabei sein bei unserem Rundgang. Zugegeben, wir beiden Frauen, die Führerin und ich, auch die beiden Aachenerinnen, die sich zu unserer Gruppe gesellt hatten, wollten provozieren. Das dürfen wir Frauen hier, nicht erst nach Köln. Das seid ihr uns jetzt schuldig. Das müsst ihr euch ansehen hier. Da werdet ihr nicht verschont. Auch wenn die Grenze zum Obszönen und zum Kitsch offen ist, offen wie die Grenzen überhaupt hier. Aber die Reaktion bleibt aus. Keine Entrüstung, kein Hinweis, kulturelle und religiöse Grenzen verletzt zu haben. Es ist so, als hätte die Gruppe der ausschließlich männlichen Besucher schon damit gerechnet, weil es eben so ist in Deutschland, dass soviel nacktes Fleisch auch im Museum zu sehen ist. Viel mehr interessiert sie die allegorische Schlange, da gibt es Gemeinsamkeiten, ja, auch in ihrer Heimat ist sie Symbol des Teufels, und sie freuen sich. Wieder etwas Gemeinsames entdeckt...

Zum Schluss noch etwas Zeit zum Herumschlendern. Ja, es gibt noch so viel zu sehen hier, kommen wir nochmal wieder? Das Bild und das dort - das möchten wir nochmal sehen...

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 6. Januar - Tierpark

Die Bewohner der Turnhalle Drimbornstraße haben ihre 'Nachbarn' im Tierpark besucht. Besonders die Kinder hatten viel Spaß.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Samstag, 12. Dezember - Alemannia Aachen gegen Rot Weiss Ahlen

Alle hatten sie offensichtlich großen Spaß. Sie fielen in die Fangesänge der Stehplatzblöcke ein, so das sprachlich möglich war, sprangen zwischendurch immer wieder auf und brüllten "Aachen, Aachen..." mit. Sie versuchten hier und da erfolglos zu verstehen, was die Fans da so sangen ("Tee-Ess-Vau… Heimatstadt AC...") und jubelten mit beim einzigen Tor der Alemannia. Strahlende Gesichter ringsum, als hätte der SV Damaskus, Bagdad United oder Universidad do Kabul gerade den Weltpokal gewonnen.

Und wehe, die Ahlener kamen gefährlich auf – schoss einer daneben, gab es gemeinsam ironischen Applaus. Und sie lachten über sich selbst. Foulte ein Ahlener einen Aachener – Empörung, Pfiffe, Schimpfen. Was immer Rote Karte auf Arabisch oder Farsi heißen mag. Fußball funktioniert überall gleich, ob im reichen Deutschland mit seiner fast pleiten Alemannia oder in Ländern, die wahrlich andere Probleme haben als einen tief gefallenen, derzeit heftig zerstrittenen ehemaligen Bundesligisten. Dass das Spiel ein extrem grausliges Gekicke war mit einem duseligen Sieger, war ziemlich wurscht.

Gut hundert Refugees, alles Männer und ein 12-Jähriger, aus der Unterkunft Rombachstraße/Gesamtschule Brand und als kleineren Teil aus der Schulturnhalle Obere Drimbornstraße waren am Samstag auf dem Tivoli. Regionalliga West, Aachen – Rot-Weiß Ahlen (1:0) in Block S1, ganz oben mit bester Diagonalsicht auf den schlammigen Platz. Ein besonderes Erlebnis, ein weiteres großes kulturelles Highlight nach Stadtführung, Centre Charlemagne und Suermondt-Museum.

Die Alemannia, die sich vehement von der Pegida-Demo am Tag darauf auf dem Tivoli-Vorplatz distanziert (auch per Stadiondurchsage während des Spiels), hatte auf Anfrage von ehrenamtlichen Helfern (Christoph Lenssen für die Refugees aus Brand und Flame for Peace für die Drimbornstraße) die Freikarten zur Verfügung gestellt. Die alteingessenen Alemannia-Fans im Block nebenan guckten anfangs ein paar Mal erstaunt oder lächelnd rüber, was das denn für eine neue Fangruppierung ist, die da so euphorisch mitjubelte. Ach so, Flüchtlinge, Neu-Aachener, vielleicht Neu-Alemannen auf lange Sicht. Genauso wie zum Beispiel Erstsemester der Hochschulen in Aachen regelmäßig eine Einladung zu einem Match bekommen, waren es dieses Mal eben die Flüchtlinge. Vielleicht werden es irgendwann mal Dauerkarteninhaber. Einer hatte schon einen Alemannia-Schal um. Jedenfalls: Dankedanke, Alemannia.

Beeindruckend für alle natürlich so ein modernes, grelles, helles, weites Stadion. Ja, 50 Millionen Bausumme, Platz für 33.000 Menschen – und das hat die Alemannia in den zwischenzeitlichen Ruin getrieben. 6.700 waren gegen Ahlen da, ungewöhnlich wenige nach langer Erfolglosigkeit – dennoch: kein Viertligist hat so viele Zuschauer in Deutschland, zuletzt über 12.000 im Durchschnitt.

Noch mehr gestaunt haben sie, als wir ihnen in der Halbzeit die vielen Besonderheiten aus Alemannias Vergangenheit berichteten: Bundesliga! Pokalfinale! Europapokalteilnahme als Zweitligist mit vielen Erfolgen. Und natürlich sagt auch Bayern München den fußballaffinen Männern aus dem vorderen Orient etwas. Tja, und die hat Alemannia 2004-2006 drei Mal nacheinander abserviert. Großes Staunen. Drei Mal? Wirklich, die Bayern? Munich? Nein!… Doch.

Gute Stimmung

Der Übersetzer ins Arabische fragte ein paar Mal nach. Wahrscheinlich haben sie alle Alemannias grandiose Gelegenheitshistorie am Abend noch mit ihren allgegenwärtigen Smartphones nachgegoogelt Ja doch: 2:1, 1:0, 4:2. Ja, Aachen war ein paar Mal der Nabel Fußballdeutschlands. Ein Iraker konterte gleich, dass sein Land 2013 bei der Weltmeisterschaft der Fußball-Junioren U 20 bis ins Halbfinale gekommen war. Was fast so viel zählt wie ein Sieg gegen den FC Ruhmreich von der Isar.
Kurios, dass einige der Flüchtlinge ein paar Wochen ausgerechnet in Ahlen in einer Erstaufnahmeeinrichtung zugebracht hatten, wie einer belustigt erzählte. Aber vonwegen, ein Spiel wir gegen uns, neinnein, sie seien ja jetzt Aachener, sagte einer der Flüchtlinge mit Inbrunst, und da wird nur schwarz-gelb gejubelt. Nur ein bisschen mehr mit ansehnlichem Fußball hätte der der Nachmittag bei der Alemannia schon zu tun haben können.

Bernd (Bernd Müllender, Aachen)

Mittwoch, 9. Dezember - Das Suermondt-Ludwig-Museum

Was macht diese kulturellen Streifzüge mit Flüchtlingen durch unsere Heimatstadt so spannend?

Es ist das Wiederentdecken unserer Schätze mit anderen Augen, es ist die Überraschung, längst Vertrautes wieder neu zu sehen, als löse sich eine alte Staubschicht von den alltäglichen, gewohnten Stadtbildern, eine Patina aus trockenem halbvergessenen Pennälerwissen und Aachener Pflichtfächerkanon. Wir staunen, wie anders die Asylsuchenden vieles wahrnehmen, was uns Alt-Aachenern bisher vielleicht noch gar nicht aufgefallen ist. Hervor tritt eine neue Freude an dem, was unsere Stadt zu bieten hat, weil wir sie unseren Gästen zeigen dürfen.

Alle Wege sind erlaubt. Es gibt kein Drehbuch. Unsere Mittwochsspaziergänge sind extracurriculäre Kür. Sie sollen Mut machen, Kultur unter die Haut schieben, als Therapie gegen das Unmenschliche draußen.

Vor uns stehen Menschen mit Grenzerfahrungen, die gerade noch dem Tod entronnen sind, die ihre Frauen an Menschenhändler verloren haben, ihre Freunde sind tot, sie haben alles aufgeben müssen. Mit uns im ASEAG-Bus fährt heute der junge Zahnarzt aus Mossul, der eine eigene Praxis hatte. Er hat als Yeside irgendwann die Tür ein letztes Mal geschlossen und die Stadt mit nichts als der Kleidung auf der Haut verlassen, kurz bevor alles geplündert und in Schutt und Asche gelegt wurde. Und dann erzählt der Moslem aus Syrien, wie die Frauen wiederkommen aus der brutalen Geiselhaft der Mörder, geschwängert, verstummt, gezeichnet - die Ehemänner, die Söhne tot.

Heute kommt Herr Rief, stellvertretender Leiter des Suermondt-Ludwig-Museums, und packt für uns alle seine besten Schätze aus. Hat sie extra aus dem Lager geholt. Mit Baumwollhandschuhen legt er sie vor uns auf den vorbereiteten Tisch, ganz vorsichtig, liebevoll, ehrfürchtig. Den syrischen Glasvogel aus der Zeit Harun Al Raschids und Karls des Großen. Winzig kleiner und heute doch so wertvoller Zeuge der gemeinsamen Menschheitsgeschichte. Als wolle Rief mit dem Vögelchen sagen, nicht die Flügel hängen lassen. Wir suchen jetzt mal nach gemeinsamen Werten, nach verspielter Freundlichkeit, nach Schönem. Kunst als Therapie….

Und nach Unvergänglichem, Bleibendem. Die alltägyptische Darstellung einer jungen Frau, Portrait zu Lebzeiten und nach dem Tod Beigabe des Mumiengrabes. Auch wenn die Welt dort in der Ferne mit Bomben dem Erdboden gleichgemacht wird, finden wir unter den Exponaten auf dem Tisch unvorstellbar fein gearbeitetes Detail, wir beugen uns gemeinsam über die jahrhundertealte tschechische Bergwerkslandschaft, aus einer Kupferlegierung gegossen, in Spieluhrformat. Unter Tage, im Inneren der kleinen Skulptur, beleuchten wir mit unseren Handylampen die höhlenartig herausgearbeitete Bergwerksszene mit in winzigem Maßstab gegossenen Bergleuten, Loren und allerlei technischen Gerät. Stecken die Köpfe zusammen und staunen, zu welcher Handwerkskunst Menschen fähig sein konnten, vor so langer Zeit, wenn sie nicht mit unsinniger Kriegsführung beschäftigt waren.

Und wir suchen weiter, nach Geschichten, die wir alle kennen. Unser afghanischer Übersetzer bleibt lange vor einem großformatigen Gemälde stehen, erzählt uns aufgeregt seine Entdeckung. Er hatte auf seiner Flucht ein persisches Buch gelesen über Geschichten aus dem Heiligen Land. Und hier präsentiert er uns aufgewühlt die Darstellung des Jüngsten Gerichtes, hier sind sie abgemalt, die Posaunen der Engel, das Licht, die Unterwelt.. Das Jüngste Gericht, gemeinsames zentrales Thema in der jüdischen, christlichen und islamischen Mythologie und Ikonografie, bekomme ich so im Suermond-Ludwig-Museum von einem afghanischen Moslem erklärt.

Und dann packt Rief eine weitere Schachtel aus, die er für uns aus seinem Lager geholt hat: Azulejos, glasierte Tonfliesen aus der maurischen Zeit, hier aus dem 15.Jahrhundert, Zeugen einer glücklichen gemeinsamen Kulturperiode von Christen, Juden und Moslems. Und jetzt werden alle geschlachtet, auch Moslems, dort im Heimatland, von Söldnern des IS, die aus der ganzen Welt stammen, angeheuert und fürstlich bezahlt von skrupellosen Kriegstreibern und Ölhändlern.

Unser arabisch-persisch-kurdisch-deutsch-englischer Trupp zieht weiter, von Raum zu Raum, einige haben sich gelöst von der Gruppe, schauen auf die Gemälde, suchen weiter Geschichten, ihre Geschichte? Alle sind gefangen von der besonderen Atmosphäre der herrschaftlichen Villenarchitektur mit Marmor, Stuck und der eindringlichen klaren Farbigkeit der Wände, die die alten Meister umso mehr strahlen lässt. Ein vielstimmiges Shukran, Danke, Thank You an Herrn Rief, für den wunderschönen, beeindruckenden und liebevoll gestalteten Nachmittag im Suermondt-Ludwig-Museum!

Dann gibt es noch eine Cola im Café, und die Gespräche zwischen den Aachenern, die sich uns angeschlossen haben, und den Gästen werden immer vertrauter, wir freuen uns schon auf das, was wir noch entdecken wollen, der Tivoli mit einem Spiel der Alemannia steht am Samstag auf dem Programm. Alle werden beim Anfeuern helfen!

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 2. Dezember - Das Centre Charlemagne

Wie erschließen wir neuen Mitbürgern unsere Stadt, so dass sie stolz sein können auf ihre Herkunft und stolz werden auf ihr neues Zuhause?

Olaf Müller, der Leiter des Kulturbetriebes in Aachen, hat heute gezeigt, wie es gehen könnte. Hat bei seiner engagierten  Führung von 30 Flüchtlingen durch Aachens Stadtmuseum, dem Centre Charlemagne, Bezüge geknüpft, Gemeinsamkeiten, über Babylon, Zweistromland und seine Kultur, die viel älter ist als unsere, oder auch die Bedeutung von Wasser, die unsere Bäderstadt geprägt hat und auch das Leben in ihrer Heimat bestimmt. Er hat Aachens Legenden  erzählt, wie sie es aus ihrer Tradition des Geschichtenerzählers kennen. Und über den Krieg in Aachen,seine Folgen für Wirtschaft und Kultur.

Im Centre Charlemagne

Da nicken alle, seine  zerstörerische Kraft verfolgt ja nun auch sie, alle sind traumatisiert und entwurzelt. Flüchtlinge aus Syrien, dem Libanon, Bangladesh, Afghanistan, Irak und Eritrea hingen förmlich an seinen Lippen, waren interessiert und konzentriert dabei , mit der Übersetzung in Englisch, in Farsi und ins Arabische wurden alle erreicht, einige haben es auf ihrer  langen Flucht zu einer bemerkenswerten Vielsprachigkeit gebracht.

Die Motivation, Deutsch zu lernen, ist bereits immens und wird nach solch einer Einführung in die deutsche Kultur noch viel größer, das zeigten die Gespräche auf dem Weg mit der Aseag zurück  in die Turnhalle der GHS Drimborn, wo alle untergebracht sind.  Der anfänglich geplante Zeitrahmen wurde weit überschritten, auch durch die vielen Fragen an Olaf Müller. Frieden schließen zu können mit ihren Feinden, damit haben die einstigen Kriegsgegner Deutschland am meisten geholfen, sagte er zum Schluss noch, beim Kakao im Foyer.
Und: Der geht aufs Haus.

Der Nachmittag hat uns allen gut getan, ein aufrichtiger, herzlicher, vielsprachiger Dank ging an alle, die mitgeholfen haben bei der Organisation.

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

Mittwoch, 25. November - Die Aachener Altstadt

Stadtspaziergänge!
Ergebnis eine Aufrufes der ehrenamtlichen Helfer der Pfarren und Gemeinden, aber auch von privaten Initiativen wie Flame for Peace, rund um Körnerkaserne und die Turnhalle der GHS Drimbornstr. Ideen zu liefern, den Alltag in den überfüllten Sammelunterkünften der Asylsuchenden aufzulockern. Bisher gibt es wenige Gelegenheiten, jenseits von Amtsstuben und Essensausgaben Kontakte zu Aachenern zu knüpfen. Zu sehen, wie wir leben, was unsere Stadt ausmacht, wie vielfältig unser  Wirtschaftsleben und die Kultur in unserer Stadt sich präsentieren, einer Stadt, in der wir doch schon immer stolz waren auf ihre Internationalität und Weltoffenheit, nicht zuletzt gegenüber all den ausländischen Studenten.

So sollte uns der erste Stadtspaziergang in die Altstadt führen.& Mit Broschüren, Regenschirmen und 5 Minigruppentickets ausgerüstet, standen wir um drei in der Turnhalle. Unerwartet groß war das Interesse, wir hatten ja kaum Werbung gemacht, aber die Idee hatte sich schnell herumgesprochen, die begehrten Bustickets waren schnell verteilt, und viele musste auf einen späteren Termin vertröstet werden. Die Linie 41 führte uns von der Turnhalle direkt zum Elisenbrunnen, wo unsere stattliche Gruppe (27) von unserer offiziellen Stadtführerin freundlich empfangen wurde. Emad, Flame for Peace-Friedensläufer, selbst Aachener mit syrischen Wurzeln, war zur Übersetzung ins Arabische dazugekommen.

Im Dom

Der Elisenbrunnen mit seiner Geschichte und einer Kostprobe des wenig köstlichen Wassers, Weihnachtsmarkt, Dom, Rathaus und Bahkauv waren die Stationen eines spontan gekürzten Programmes. Zu viel Zeit brauchen alle zum Stehenbleiben, Fotografieren, Staunen. Für fast alle war dies der erste Ausflug in die Stadt!
Wie Emad im Bus aus Gesprächen erfahren hatte, war die Stimmung im Lager auch gerade auf einem emotionalen Zwischentief angelangt.Die Auswirkungen der oft traumatischen Flucht, die wenig strukturierten Tagesabläufe in der Turnhalle und der Stillstand im Versuch, eine Wohnung oder sogar berufliche Perspektiven zu finden, wirken frustrierend. Gerade angesichts der psychologisch belastenden Situation, so erfahren wir im Gespräch mit den Helfern, sind die Ruhe und Disziplin in den Unterkünften doch immer wieder beeindruckend.

Wo beten die Deutschen? Besuchen wir eine Kirche, den Dom? Davon hatten einige gehört, das wurde ich schon im Bus gefragt, und das sei doch wichtig. Die Mitfahrer aus Syrien suchen freundlich nach gemeinsamen Gesprächsthemen, hier scheinen Annäherungen möglich, wir Aachener werden umringt von neugierigen Mitfahrern und ausgefragt. Der Dom ist nun gut zu sehen, und bald stehen wir davor, eng gedrängt lauschen alle den englisch-deutsch-arabischen Erläuterungen zu seiner Geschichte. Am Rand steht eine zierliche junge Frau aus Eritrea, sie versteht offensichtlich nicht viel, aber weigert sich vehement einzutreten. Irgendwie erscheint sie mir sehr unsicher und fast verängstigt. Es ist vielleicht alles ein bisschen viel, das Fremde. Ich nehme sie einfach in den Arm, frage nicht und wir beide gehen gemeinsam hinein. Wunderschön präsentiert sich der Dom, nach der vorweihnachtlichen Hektik draußen, mit seinen glitzernden Mosaiken und der gedämpften Stimmung, wir Aachener kennen das. Einmal drinnen, ist sie dann offensichtlich auch überwältigt. Sie weint. Einfach so.

Vom Dom aus geht es in das Rathaus. Hier ein sehr freundlicher Empfang durch die Mitarbeiterinnen der Stadt an der Kasse, die uns, als wir unser Anliegen und die Zusammensetzung der Gruppe erläutert haben, durchwinken und in die prächtigen Raume des Rathauses führen. Ja, ich muss gestehen, so lerne auch ich erstmalig das gesamte Innenleben unseres Rathauses kennen, obwohl ich nun auch schon seit mehr als 30 Jahren in Aachen wohne. Und der kleine übermütige Fünfjährige aus Afghanistan strahlt die freundliche Angestellte an, die ihn wohlwollend lächelnd an den Gobelins vorbeilenkt. Überall Fototermine. Klar, fast alle haben ein Handy und posieren auch hier vor der kostbaren Einrichtung. Das Handy ist die Nabelschnur zu ihrer Heimat, wo noch ihre Liebsten sind, die Eltern, die Kinder. Würden wir nicht auch zuallererst versuchen, eine sichere Verbindung zu ihnen aufzubauen, hier unsere Priorität setzen? Und so bin ich ergriffen von dem freudig gezeigten Handymonitor, auf dem gerade eine Skype-Standleitung zur syrischen Ehefrau hergestellt worden war. Freudestrahlend die Eheleute auf beiden Seiten: einfach gut zu wissen, dass es dem Ehepartner gut geht, vielleicht so gut und entspannt wie schon lange nicht mehr. Vergessen sind für einen Moment die heranrückenden Kämpfer, die Überfälle. Der Ehemann erzählt, wie sie den Dörfern immer näher kommen. Ich grüße zurück in das offene Gesicht einer hübschen Frau, die sich herzlich bedankt dafür, dass es ihrem Mann gerade so gut geht. Und so bin ich, mit der Leitung nach Syrien, für einen Moment dem Kriegsgeschehen selbst so nahe, nachdenklich und betroffen gebe ich das Handy zurück.

Dann geht es mit viel Disziplin über den Weihnachtsmarkt. Unsere Stadtführerin ist beeindruckt, die Gruppengröße sollte ja eigentlich 15 nicht übersteigen, da es Erfahrungsgemäß bei ihren sonstigen touristischen Führungen schnell chaotisch wird. Hier sind wir knapp 30, und bleiben trotzdem entspannt zusammen. Alle freuen sich über die Printenverkäuferin von Nobis, die großzügig noch eine Extraportion Probierprinten verteilt, als sie von den Hintergründen unseres Ausfluges erfährt. Überhaupt sind es die kleinen Gesten der Aachener, die immer wieder Empathie und Hilfsbereitschaft ausdrücken, die mitfühlenden Worte der Rathausdamen, das Angebot eines Passanten, das pakistanische Ehepaar vor dem Weihnachtsbaum im Rathaus  mit ihrem mitgebrachten Handy zu fotografieren, der freundliche Busfahrer, der auf die letzten verirrten Mitfahrer doch noch an der Haltestelle wartet und mit einem Oecher Hallo empfängt.

Fazit des ersten Mittwochsspazierganges:
Bewegende menschliche Begegnungen. Freude auf beiden Seiten. Freundliches, interessiertes Nachfragen hüben wie drüben. Ein entspannter Spaziergang, der allen Spaß gemacht hat. Weitere Spaziergänge werden folgen. Danke, Aachen!

Heike (Dr. Heike Heinen, Hergenrath)

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